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aus dem moabiter kriminalgericht


Voodoo meets Kollektivrache


von Barbara Keller

04. Mai 2007. Moabiter Kriminalgericht, 33. Gr. Strafkammer
Sechs Pakistani, die sich durch einen mutmaßlichen Kameruner Geldbetrüger durch die "Wash-Wash"-Methode um 80.000 Euro geprellt sahen, sind angeklagt, diesen entführt, misshandelt und erpresst zu haben.
Urteil vom 9. Juli 2007

Ob Alchemie, Lotto, Hütchenspiel. Sie wird wohl nie aussterben, die süße Hoffnung auf das schnelle, ganz große Geld. Seit mehr als zehn Jahren treiben Betrüger mit dem "Wash-Wash"-Trick international ihr betrügerisches Unwesen. Eine Spezialität westafrikanischer Männer, die damit auch in ihrer Heimat Erfolg haben.

Die Masche: Mit einem Koffer geschwärzten Geldes werden die Betrüger vorstellig. Das angeblich von gestürzten Diktatoren beiseite gebrachte Geld harre, so behaupten die halbseidenen Weltreisenden, eines mehrenden Waschvorgangs, bei dem es sauberer Scheinchen Geburtshilfe bedürfe. Satte Provisionen versprechen sie dem, der ein paar Tausender investiert.

Doch nachdem das bereitgestellte Geld in Spezialpapier gesteckt, mit Spezialflüssigkeit übergossen ist, wartet der naiv korrupt Kunde vergeblich auf die Wiederkehr des magischen Mannes vom schwarzen Kontinent und seinem finalen Zauber. Das Schwarzgeld bleibt schwarz und das eigene Geld hat sich trauriger Weise in wertlose Papierscheine verwandelt.

Auf eine Betrügerei wie diese sollen auch die jetzt wegen erpresserischen Menschenraubs angeklagten sechs pakistanischen Männer und Frauen hereingefallen sein. Insgesamt 80.000 Euro Verlust beklagen die Brüder Maqbool (29) und Mubashar S. (39), das Ehepaar Iffat (38) und Saeed M. (50), Mohammad A. (39) und Khurram A. (32).

Dabei möchte man gern glauben, dass es hier die Ärmsten der Armen traf: die Brüder S. pakistanische Asylanten aus Forst (Lausitz) und Rödermark, das Ehepaar M. Sozialhilfeempfänger aus Frankfurt am Main sowie die Berliner Mohamad A. und den Boutiquebesitzer Khurram A. - Als "James", so einer der Angeklagten, soll sich ihnen der sympathische und vertrauensvoll wirkende junge Mann aus Kamerun, eigentlich: Constand T., vorgestellt haben.

Die viertägige, durch eine Polizeiaktion glücklich beendete Entführung von Constand T. im September letzten Jahres war dann offenbar ein verzweifelter Racheakt. Laut Staatsanwaltschaft lockten die Angeklagten "James" am 4. September 2006 in eine Wohnung in der Perleberger Straße unter dem Vorwand, mit ihm 'Geld waschen zu wollen'.

Doch als der Kameruner dort das WC aufsucht, fallen die anwesenden Pakistani über ihn her. Sie setzen den kräftigen Mann mit Pfefferspray außer Gefecht, binden, knebeln, schlagen ihn, bemächtigen sich seiner EC-Karte und verfrachten ihn nach der Verabreichung von zehn Schlaftabletten in einen Teppich gewickelt in eine Frankfurter Wohnung. Dort fordern sie Constand T. unter Todesdrohungen und Misshandlungen auf, 130.000 Euro zu beschaffen. Am 8. September 2006 gegen 1:40 hat "James" Märtyrium nach Eingreifen der Polizei ein Ende. - Soweit die Anklage.

Am 4. Mai 2007, dem zweiten Tag der Hauptverhandlung, tritt das Opfer, der mutmaßliche Geldmehrer "James", selbst vor Gericht als Zeuge auf. Gegen den Berliner Constand T., zuletzt nach eigenen Aussagen als Reinigungskraft oder auf dem Bau mit Zuschuss vom JobCenter beschäftigt, laufen derzeit Ermittlungen wegen Betrugs. Kein Wunder, dass der Zeuge mit Rechtsbeistand erscheint und sich mit seinen Aussagen zurückhält.

Die Schilderungen von Constand T. sind dennoch plastisch. Gemeinschaftlich, so "James", sollen die Entführer zu Werke gegangen sein. Er berichtet, wie ihm in der Berliner Wohnung plötzlich eine Decke über den Kopf geworfen, ihm mit einem Stock der aufgestützte Arm weggeschlagen wurde, ihm Iffat M. in den Finger biss, während ihn Faustschläge, viele Hände zu Boden zwangen und Khurram A. ihm Pfefferspray in die Augen sprühte.

Mit einem Holzlöffel habe man ihm gewaltsam den Mund aufgetan und zehn Tabletten eingeworfen, nach deren Genuss er bewusstlos geworden sei. Mit einem Rohr soll vor allem Maqbool S., den er als Rädelsführer beschreibt, auf ihn eingeschlagen haben; auf Arme, Beine und Fußsohlen. Mit dem Tod, ja der Entmannung habe Maqbool S. ihm gedroht.

Dann der Transport. In einen Teppich eingewickelt, beim dem Constand T. geknebelt und gefesselt fast erstickt sei. In der Frankfurter Wohnung, wo auch Kinder der Pakistani anwesend waren, forderten die Angeklagten schließlich 130.000 Euro Lösegeld von ihm. Man habe die Fenster geschlossen und laute Musik angestellt, um ihn unbemerkt foltern zu können. Maqbool S. setzte sich auf ihn und ritzte ihm mit einem Messer die Brust.

"James" sei schließlich bereit gewesen, alles für seine Freilassung zu tun und stellte eine Liste von Freunden und Bekannten zusammen, die die Entführer abtelefonierten. Sein Berliner Freund 'Francis' war es schließlich, der sich mit der Polizei in Verbindung setzte. Am 7. September 2006 fand gegen 23:30 die von der Polizei fingierte Geldübergabe statt, wurden zwei Entführer festgenommen. 24 Stunden und einige wütend verzweifelte Misshandlungen später dann die Befreiung des mutmaßlichen Betrügers "James".

Die Angeklagten dürften sich durch ihre Rechtsbeistände, darunter Hansgeorg Birkhoff*1 und Rüdiger Portius*2, bestens vertreten fühlen. Gleich zu Beginn torpedierten die Anwälte mit Vehemenz die Entscheidung der 33. Strafkammer unter Vorsitz des Richters Schulz-Maneke, dem Zeugen Constand T. eine Dolmetscherin beizuordnen. Begründung: seine 29 Seiten umfassende Zeugenvernehmung vom September 2006 habe der Zeuge schließlich auch ohne Dolmetscher bestritten.

Auch die Art der Zeugenvernehmung durch die Kammer wurde hart kritisiert. Der Dissens zwischen Rechtsanwälten und Vorsitzendem Richter schlingerte schließlich in eine Sackgasse und gipfelte in giftigen Erklärungen des Rechtsanwalts Hansgeorg Birkhoffs: "Ich lasse mich von Ihnen nicht in dieser Form maßregeln!" und einem ratlosen Richter Schulz-Maneke: "Ich trete doch mit Verständnisfragen die Strafprozessordnung nicht mit Füßen!"

Mit einem enervierenden Pausenmarathon schleppte sich die Verhandlung am 4. Mai 2007 bis in den späten Freitag Nachmittag dahin. Am 11. Mai 2007, dem nächsten Prozesstermin, sind zehn Berliner und Frankfurter Polizeibeamte als Zeugen geladen. Das Verfahren dürfte noch einige Zeit dauern.

*1 vertrat u. a. TV-Moderator Karsten Speck, BerlinHyp-Aufsichtsrat Dr. Hoffmann im Berliner Bankenprozess
*2 viele Jahre Vorsitzender der Berliner Strafverteidigervereinigung, vertrat u. a. gemeinsam mit RA Birkhoff BerlinHyp-Vorstand Dr. Dirk Hoffmann im Berliner Bankenprozess

Urteil vom 1. Juli 2007
Verurteilt wegen Erpressung und Menschenraubes in minder schwerem Fall in Tateinheit mit Körperverletzung wurden: Maqbool und Mubashar S. sowie Iffat M. (Maqbool S. 4 Jahre, Musbashar S. 2 Jahre/9 Monate, Iffat M. 2 Jahre Haft auf Bewährung) Khurram A. erhielt wegen Beihilfe eine Haftstrafe von 15 Monaten. Saeed M. bekam wegen organisierten Menschenraubes eine Bewährungsstrafe von 13 Monaten.

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NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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"James", alias Constand T., aus Kamerun gebürtig, wurde von sechs Pakistani misshandelt, entführt und um 130.000 Euro erpresst. Er soll seine Kidnapper mit der "Wash-Wash"-Methode um 30.000 Euro geprellt haben.

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