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Die "Rote Zora" kehrt zurück


von Barbara Keller

11. April 2007. Berliner Kammergericht, 1. Strafsenat
Das Kapitel 'friendly Stadtguerilla' - "Revolutionäre Zellen" und "Rote Zora" - ist so gut wie abgeschlossen. Anfang Dezember 2006 stellten sich Adrienne Gerhäuser (58) und ihr Lebenspartner Thomas Kram den Karlsruher Behörden. Als ehemalige Aktivisten der "Roten Zora" und der "Revolutionären Zellen" wird ihnen, kurz vor der Verjährung ihrer Straftaten, die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Andrienne Gerhäuser speziell das versuchte Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion in zwei Fällen vorgeworfen.
Urteil vom 16.04.2007

Fast alle Schäfchen sind nun eingesammelt. Im Jahre 1987 tauchten nach der groß angelegten BKA*-Aktion namens "Zobel" die Aktivisten der "Revolutionären Zellen" und deren feministischer Ableger die "Rote Zora" komplett unter. Acht Jahre später, 1994/95 stellten sich Barbara D., danach Corinna K. - beide ehemals aktiv in der "Roten Zora" - mit Hilfe des deutschen Geheimdienstes den hiesigen Strafbehörden.

D. hielt sich in Nicaragua auf, die ehemalige Bochumer 'taz'-Redakteurin K. zuletzt in Frankreich. Beide Frauen, Barbara D. als auch Corinna K., waren schließlich zermürbt durch die lange Zeit der Illegalität und desillusioniert durch den Ausblick auf eine Verjährungsfrist der von ihnen begangenen Straftaten von 20 Jahren. - Nur eine 'Zora'-Aktivistin wird derzeit noch mit Haftbefehl gesucht.

Abgesang mit Kronzeugen

Und auch die "Revolutionären Zellen", die sich durch ein Berliner Apothekererbe und ein Coup mit gefälschten Postsparbüchern finanzierten, sind nach dem viertägigen Prozess gegen den Kronzeugen und Karateguru Tarek Mousli im Dezember 2000 weitgehend enttarnt und verurteilt. Die Rädelsführer der "Knieschuss-Attentate" ebenso wie die am Anschlag auf die Berliner Zentrale Sozialhilfestelle für Asylbewerber Beteiligten. Auf zwei Jahre und zehn Monate bis vier Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe lauteten die Urteile gegen fünf ehemalige Mitglieder der "Revolutionären Zellen" nach einer dreijährigen Verfahrensdauer im März 2004.

Lothar E. dagegen, ehemaliger Hausmeister des Mehringhofes und Busenfreund des Kronzeugen Mousli, kam nach einem kurzen Prozess im Juli 2004 mit einer Bewährungsstrafe davon. Die wichtigsten straftatrelevanten seiner Vergehen waren bereits verjährt. Lothar E. kehrte postwendend nach Yellowknife, Kanada, zurück, von wo er zunächst ausgeliefert worden war.

Selbstjustiz ohne Blutvergießen

Die "Rote Zora" gründete sich als feministischer Zweig der "Revolutionären Zellen" (seit 1973) im Jahre 1977 als eigenständige Gruppe in gemeinsamer Abstimmung mit den "Revolutionären Zellen". Im Mittelpunkt der "Revolutionären Zellen", die sich als militanter Teil der sozialen Bewegung verstanden, stand während ihrer Hochzeit die Flüchtlingskampagne. Anders als die "Rote Armee Fraktion" (1970 bis 1998), die ihre Ziele bewusst auch über die Auslöschung von Menschenleben zu verwirklichen suchten - die RAF ermordete 34 Personen - suchten die "Revolutionären Zellen" Personenschaden im Großen und Ganzen zu vermeiden.

Ausnahmen hierin bilden die "Knieschüsse" auf Harald Hollenberg, Leiter der Berliner Ausländerbehörde im Oktober 1986 und Günter Korbmacher, Vorsitzender Richter am Bundesverwaltungsgericht im September 1987 sowie der Tod des hessischen Ministers Heinz-Herbert Karry, der im Mai 1981 durch das geöffnete Schlafzimmerfenster erschossen worden war, zu dem sich die "Revolutionären Zellen" zunächst mit einem Schreiben bekannten, später jedoch widerriefen. - Der Mord konnte nie aufgeklärt werden.

Die Frauen der "Roten Zora" praktizierten Selbstjustiz, wo ihrer Meinung nach die von Männern dominierte Justiz versagte: Frauenhandel, Unterdrückung und Ausbeutung der Frau. Innerhalb von zehn Jahren verübten sie etwa 45 Brand- und Sprengstoffanschläge, 16 davon gemeinsam mit den "Revolutionären Zellen". Jeglicher Personenschaden sollte und wurde von der "Roten Zora" vermieden. Wenn auch vielleicht mit etwas Glück, da etliche ihrer Sprengsätze nicht zündeten.

Fanal mit Zeitzünder

Anfang Dezember letzten Jahres stellte sich nach 19 Jahren Illegalität nun auch Adrienne Gerhäuser (58) gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Thomas Kram den Karlsruher Behörden. In dem am 11. April 2007 begonnenen Verfahren wird Adrienne Gerhäuser jetzt vorgeworfen, an zwei Sprengstoffanschlägen beteiligt gewesen zu sein.

Im Juni 1987 auf eine Filiale des Textilkonzerns Adler bei Aschaffenburg. Ein Konzern, der eine Textilfabrik namens "Fashion Flair" in Südkorea betrieb und Arbeiterinnen entließ, die für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt hatten. Der Sprengsatz zündete nicht, der Konzern stellte die Arbeiterinnen jedoch wieder ein. Im Oktober 1987 auf ein Dahlemer gentechnisches Institut, eine Schering-Gründung, bei dem der Sprengsatz ebenfalls seine Funktion versagte.

Beide Male soll Adrienne Gerhäuser den als Zündzeitverzögerer eingebauten Wecker besorgt haben. Den Erwerb der mit vierstelligen Nummern geprägten Wecker bei der Firma Bolland durch die studierte Lehrerin und gelernte Funkelektronikerin zwei Tage vor dem Anschlag auf das gentechnische Institut filmten Videokameras.

Ja, das stimmt

Die Tochter aus gutem Haus - Vater Architekt, Mutter Hausfrau - bestreitet die Vorwürfe am 11. April 2007 verabredungsgemäß nicht. Ja, lässt sie durch ihre Rechtsanwältin Edith Lunnebach wissen, sie war an den besagten Anschlägen beteiligt und sie habe auch die hierzu benötigten Wecker der Marke "Emes Sonochrom" besorgt. Sie sei damals von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt gewesen.

Zu Adrienne Gerhäuser, offenbar alias "Lea", ließe sich sicherlich einiges mehr sagen als diese Weckereinkäufe. Sie soll laut Aussage des Kronzeugen Mousli an den übergeordneten, "Miez" genannten, jährlich ein- bis zweimal stattgehabten Delegiertentreffen teilgenommen haben, zu denen nur erfahrene und einflussreiche Gruppenmitglieder anreisten. Mousli nennt namentlich "Malte und Lea". "Malte" war der Deckname von Thomas Kram, Adrienne Gerhäusers Lebenspartner.

"Malte" und "Lea"

Auch Thomas Kram war nicht nur ein Mitläufer. Er soll beim Sprengstoffdiebstahl in Salzhemmendorf, bei dem die "Revolutionären Zellen" 100 Kilogramm Gelamon erbeuteten, beteiligt gewesen, Drahtzieher beim Anschlag auf den Bundesverwaltungsrichter Korbmacher, Mitautor des Bekennerschreibens, den Text "Gerd Albartus ist tot" verfasst und sich noch zwei Jahre nach dem Untertauchen in die Illegalität mit "Jon" getroffen haben.

"Jon" heißt eigentlich Rudolf S., der im März 2004 als Schütze beider "Knieschuss-Attentate" zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde und vom Kronzeugen Mousli als gemeinsam mit "Judith", Sabine E., seiner Lebenspartnerin als federführend und gewaltbereit beschrieben wurde.

Ein Missgeschick

Angesichts einer weitgehend befriedigenden Aufklärungsbilanz in Sachen "Revolutionäre Zellen" und "Rote Zora", inzwischen eingetretener Verjährungsfristen und der inzwischen ins Land gegangenen Jahre hält sich das weitere Aufklärungsinteresse der Ermittlungsbehörden in Grenzen. Viel Neues oder Erhellendes wird im Verfahren Gerhäuser wohl nicht zu hören sein.

Sicher auch nichts über die Wut und Ohnmacht der Illegalen, die sich nach der Wende auf ein Comback vorbereiteten, darüber, dass offenbar einer der ihren 1995 begann, die Berliner Sprenstoffvorräte heimlich zu verticken und dabei an den Falschen und schließlich an die Kripo gelangte. Was dieser einen Kronzeugen bescherte und die "Revolutionäre Zellen" samt "Roter Zora" auffliegen ließ.

Urteil vom 16.04.2007:
Zwei Jahre Haft auf Bewährung.
(Hier die offizielle Pressemeldung des Kammergerichts
zur Urteilsverkündung.)


* Bundeskriminalamt



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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