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aus dem moabiter kriminalgericht


Einsamkeit ist keine Krankheit


von Barbara Keller

11. März 2005. Kriminalgericht Moabit. 3. Gr. Strafkammer.
Am Silvesternachmittag 2003 brennt in der Lichtenrader Straße 30 c in Berlin Neukölln ein Keller lichterloh. Ein älterer betrunkener Mann mit Gasmaske vor dem Gesicht, Mieczyslaw K. (48), steht vor dem Brandherd und scheint fasziniert in die Flammen zu starren. Wie ein Pyromane. Ein weiterer betrunkener Hausbewohner torkelt herum, hat eine blutige, gebrochene Nase und bezichtigt seinen Nachbarn Mieczyslaw K. einiger Tätlichkeiten. Der Schaden durch den Brand ist zum Glück gering. Jetzt muss sich Mieczyslaw K., der sich an nichts erinnert, wegen schwerer Brandstiftung vor Gericht verantworten. Die knifflige Frage, die im Raum steht: Können Schizophrene im Vollrausch normale Betrunkene sein?


Tatsache ist: Wir leben auf einem Vulkan. Gelegentlich fehlt nur der berühmte Kieselstein, der das Fass zum Überlaufen bringt und unsere scheinbar normale Welt auf den Kopf stellt. Die Lawine könnte zum Beispiel losgetreten werden von dem finster stummen Nachbarn drei Hauseingänge weiter, dem alle Welt geflissentlich aus dem Weg geht und dessen Unbeweibtsein ihm Leber und Herz zerfressen hat. Einem wie dem ist alles zuzutrauen. Angekündigt hat er es ja schon – mit der Brechstange in der Hand.

Die Lawine könnte auch losgetreten sein von der Oma aus dem Parterre, die nachts schreiend gegen die Wände trommelt. Auf dem Flur hält sie dich am Arm fest und krächzt mit verschwörerischem Blick: "Es ist wieder alles voller Elektrizität." Auch der LKW-Fahrer, der sich ärgert, einen Fahrradfahrer nicht sofort überholen zu können, ist Teil unserer Normalität am Steilhang. Mit einem riskanten Manöver passiert er wütend, bremst dich aus, steigt aus, stapft wie ein Gorilla auf dich zu und wirft dich samt Fahrrad auf das Trottoir.

Besonders normal ist die Einsamkeit der Feiertage am Jahresende, ein fast schon fühlbar kollektives Erlebnis in Berlin, das mit Alkohol, Böllern und Highlighthopping teils nur notdürftig kaschiert wird. Mancher sitzt auch still in seinen vier Wänden bis ihm die Decke plötzlich auf den Kopf fällt. Und dann unternimmt er etwas. Zum Beispiel der gelernte Schlosser, Schweißer und Maurer Mieczyslaw K. zu Silvester 2003.

"Ich war traurig, Herr Richter."

Noch zu den Weihnachtsfeiertagen durfte Mieczyslaw K. seine beiden Kinder, 14 und 16 Jahre alt, bei seiner Ex-Frau in Spandau besuchen. Aber sein Schnarchen störte. Und schließlich war die Rumpffamilie froh, den seltsam schrägen Vogel mit dem Aussehen eines Reinhold Messner, wieder los zu sein.

"Ich war traurig. Ich bin immer traurig", sagt Mieczyslaw K. später vor Gericht. Deshalb kauft sich Mieczyslaw K. nachmittags bei ALDI eine Flasche Wodka (0,7 Liter) und trinkt sie in einem Zug aus. Oder war es Rum? "Ist Rum oder Wodka, ist egal, Herr Richter", sagt Mieczyslaw K. Was nach dem Genuss des hoch versteuerten Getränks geschah, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit rekonstruieren. Mieczyslaw K. erinnert sich nicht mehr.

Tatsache ist, dass Nachbar Wilhelm S. (69), gegen 17:00 aus seinem Mittagsschläfchen erwacht und Rauchgeruch wahrnimmt. Gleichzeitig klingelt es an der Tür. Es ist Mieczyslaw K., dem er, obwohl vis-á-vis wohnend, nur selten begegnet und so gut wie nie ein Wort wechselt: "Wegen seinem schlechten Deutsch", sagt Wilhelm S.

Jetzt steht Mieczyslaw K. vor der Tür: "Keller brennt, Kollege! Keller brennt!", bringt er aufgeregt hervor und hält ihm eine altertümliche Gasmaske hin. Wilhelm S. schlägt die Gasmaske aus und rennt sofort in den Keller. Tatsächlich ist dieser voller Rauch. Schon von unten ruft er seinem Sohn zu: "Ruf die Feuerwehr, Mario, der Keller brennt!"

Ein anderer Nachbar, der stämmige, puterrote Dieter L. (57), will Mieczyslaw K. in seinem Kellerverschlag angetroffen haben. "Er stand da mitten in den Flammen und stocherte mit einem Brett darin herum", erzählt der arbeitslose Fahrschullehrer später dem Gericht. Allerdings hat auch Dieter L. zu dieser Zeit über drei Promille Alkohol im Blut. Die gebrochene Nase und den gebrochenen Daumen soll ihm Mieczyslaw K. zugefügt haben. Wie und ob überhaupt – das kann Dieter L. heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen.

Die Polizei führt einen sich wehrenden Mieczyslaw K. in Handschellen ab. Verdacht der schweren Brandstiftung heißt es. Zwei Monate verbringt Mieczyslaw K. in der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses. Dann wohnt er wieder, allerdings unter der strengen Aufsicht der Amtsgerichtsbetreuerin Georgia Belling, in der Lichtenrader Straße 30 c.

Georgia Belling kennt und betreut Mieczyslaw K. seit mindestens zehn Jahren. Dass dieser seit einiger Zeit seine Medikamente nicht mehr regelmäßig einnahm und damit eine Krise heraufbeschwor, "war ein Ausrutscher", sagt sie, "weil er die Psychologin seines Vertrauens wechseln musste. Seit einem Jahr ist nichts mehr vorgekommen."

Eine forensische Unmöglichkeit

Aber nun wollen die Nachbarn Mieczyslaw K. nicht mehr im Haus haben. Dieter L. hat die Unterschriftensammlung gleich mit ins Gericht gebracht und hält sie dem Richter hin. Ausgerechnet Dieter L., von dem Wilhelm S. sagt: "Ich würde sagen, er ist Alkoholiker, ein ruhiger Trinker."

Auch die psychologische Gutachterin Dr. Janita Wiese möchte Mieczyslaw K. wieder in die geschlossene Klinik einweisen lassen: "Wenn nicht gesichert ist, dass der Mann behandelt wird, trinkt er vielleicht wieder und gefährdet wiederholt sich und andere." Nein, ein Trinker sei Mieczyslaw K. nicht. Und zur Tatzeit war er auch nicht akut erkrankt. – Ja, was? Ist denn der Mann voll schuldfähig?

Die Richter sind verwirrt: "Das ist eine forensische Unmöglichkeit, Frau Dr. Wiese!" – Und nicht nur diese Unstimmigkeit unter Fachleuten bleibt offen. Die Frage ist auch: handelt es sich denn wirklich um Brandstiftung? Vielleicht war es auch ein Unfall oder ein Suizidversuch, wie Gutachterin Dr. Wiese hilfreich vorschlug. – Oder zündelte – ob gezielt oder aus Versehen – hier einfach nur ein verzweifelter Mensch im Vollrausch?



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Mieczyslaw K. soll Silvester 2003 den Keller seines Wohnhauses in der Lichtenrader Straße (Neukölln) in Brand gesetzt haben. War es ein Versehen, Unfall, Suizidversuch oder Vorsatz?




In der Lichtenrader Straße 30c führte Mieczyslaw K. ein stilles, zurückgezogenes Leben. Bis ihm sprichwörtlich die Decke auf den Kopf fiel.


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