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aus dem moabiter kriminalgericht


Postmitarbeiterinnen fledderten Briefpost
- 'Verhältnisse wie in der Karibik'


von Barbara Keller

07.12.2006. Amtsgericht Tiergarten. Abt. 230 - Strafrichter.
Acht Monate lang entnahmen zwei an einer Schöneberger Anschriftenlesemaschine der Deutschen Post AG beschäftigte Frauen den Briefsendungen beigelegtes Geld. Am 30. März 2006 flogen die langjährigen Postmitarbeiterinnen Angela S. (44) und Angela R. (41) auf. Sie fielen auf einen Fangbrief der Post AG herein. - Die Folgen: Job weg, Rente weg und ein Prozess vor dem Amtsgericht Tiergarten.


Seit 27 Jahren ist Angela S. bei der Deutschen Post AG beschäftigt, Angela R. seit 15 Jahren, als die Frauen auf die Idee kommen, Briefen beigelegte Geldscheine abzuzweigen. Beide Postmitarbeiterinnen, sie arbeiten Schulter an Schulter an der Anschriftenlesemaschine in Schöneberg, sind nicht vorbestraft.

Doch dann will Angela S. "neugierig" geworden sein. Ein geöffneter, dann leerer Brief in der Fundkiste, eine Nachfrage ohne Antwort. Offenbar gibt es weitere Langfinger bei der Post AG. Warum eigentlich nicht. Im Juli 2006 beginnen die Postkolleginnen, 'sporadisch' (sagen sie) Briefe nach lukrativen Beilagen zu durchforsten. Eine öffnet die Briefe, die Andere steckte ein. Die gefledderten Briefe gehen den Weg alles Irdischen.

Acht Monate treiben die beiden Berliner Postmitarbeiterinnen, ledigen Mütter bereits erwachsener Kinder, unbemerkt ihr Unwesen. Bei der Post gehen gehäuft Beschwerden, Nachforschungsanträge ein. Die AG entschließt sich zu einem Fangbrief. Der wird den diebischen Postbeschäftigten schließlich zum Verhängnis.

Am 30. März 2006 fliegt der Coup auf, das hochnotpeinliche Kesseltreiben des Arbeitgebers beginnt. Um vier Uhr genannten Tages schnappt die Falle zu, bereits um acht Uhr haben beide Frauen ein Geständnis abgelegt, die Aufhebungsverträge und Verzichtserklärung auf die Rentenrückstellung unterschrieben. Auch das Weihnachtsgeld werden sie zurückzahlen. Das war's.

Neun Monate später der Prozess am Amtsgericht Tiergarten. 61 Diebstahlsfälle wirft die Staatsanwaltschaft den Postarbeiterinnen vor. Geldsummen zwischen 10 € und 400 € sollen sie den Briefen entnommen haben. Insgesamt 3.765 €. Angela S. und Angela R. sind sichtlich beschämt. Wiederholt erklären sie wie "wahnsinnig Leid" ihnen alles täte und wie bitter sie ihr Vorgehen bereuten.

Angela R., die auch nicht weiß, wie sie zu den Diebstählen kam, hat bereits 2000 € zurückgezahlt. Sie sagt: "Ich habe das Geld im Prinzip nicht gebraucht." - Angela S. hingegen ließ die Beute in den Tagesverbrauch einfließen. Auf die Frage des Gerichts bekennt sie: "Ich habe eigentlich alles ausgegeben."

Das Verfahren am 7. Dezember 2006 dauert nicht lang. Die Frauen sind geständig. Von den 61 angeklagten Diebstählen bleiben 57 übrig (in vier weiteren Fällen hat die Post offenbar noch Recherchebedarf). Der Gesamtschaden: 3.590 € . Angesichts des alttestamentlich anmutenden Strafgerichts der Post gegen ihre Mitarbeiterinnen hält sich die Staatsanwaltschaft in der Strafmaßforderung zurück.

Sie fordert neun Monate Haft auf Bewährung und erklärt, hier läge ein besonders schwerer Fall des Diebstahls vor. Eine Vertrauensstellung sei missbraucht, das Ansehen der Post beschädigt worden. Verhältnisse wie in der Karibik seien nicht wünschenswert. Außerdem handele es sich bei den Geschädigten, wie der Oma, die ihrem Enkel mal 50 € zukommen lassen will, um keine wohlhabenden Leute.

Das Gericht entspricht schließlich dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Neun Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung lautet das Urteil für die reuigen Gelegenheitsdiebinnen. - Sicher kann man übrigens mit der Staatsanwaltschaft die Erleichterung teilen: "Gott sei Dank sind beide wieder in Stellung." Dass Angela S. und Angela R. jedoch jetzt im Krankenpflegebereich tätig sind, darf wohl mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen werden.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Angela S. und Angela R., langjährige Mitarbeiterinnen der Post AG, stahlen Geld aus Briefsendungen.

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