sitemap
Startnext Hexenberg Theater Kanzlei Hoenig
gitter
zur Startseite
Mitfahrgelegenheit, blablacar

aus dem moabiter kriminalgericht


"In dieser Minute wollte Ihr Mann Sie ermorden ..."


von Barbara Keller

18. Januar 2006. Kriminalgericht Moabit. 35. Große Strafkammer.
Ende Februar 2005 gibt Gerd W. bei seinem ehemaligen Mitarbeiter Mario H. den Mord an seiner Frau Renate W. in Auftrag. Mario H., der auf Anraten seines Anwaltes Anzeige bei der Polizei erstattet, geht zum Schein auf das lukrative Angebot ein: 500 Euro sofort, 5.000 Euro nach vollendeter Tat und 15.000 Euro auf Abzahlung. Die 5. Mordkommission stellt Gerd W. eine Falle, in die er prompt auch stolpert. Doch trotz der erdrückenden Beweislast bleibt Gerd W. auch am zweiten Prozesstag bei seiner kühnen Behauptung: "Mario H. hat mich hereingelegt."

(zum 1. Beitrag, Prozessauftakt)
(dritter Prozesstag, 25. Jan. 2006)
(Urteil vom 27. Febr. 2006) Urteil!
- auch ein zweiter Auftragsmord des Gerd W. Ende 2007 blieb im Versuch stecken: Verfahren und Urteil vom 13. Febr. 2009 (40. gr. SK)

Wer bis jetzt noch glaubte, der Angeklagte Gerd W. habe jahrelang nur mit der Ermordung seiner Frau geliebäugelt und ein Spiel mit Grenzen gespielt, dürfte nach den Aussagen der Zeugen am zweiten Tag der Hauptverhandlung arg ins Schwanken gekommen sein.

Gegen diese wohlmeinende, auch vom Angeklagten suggerierte Version spricht Wesentliches. Die Aussagen der beteiligten Kripobeamten ebenso wie die zweier libanesischer Pensionsbewohner, die Gerd W. bereits 2002 bedrängt haben soll, seine Frau Renate zu töten.

Ich mache das!

So kam Gerd W. noch mal mit einem blauen Auge davon, als 2002 der Mordplan, den Mustafa A. (25) ausführen sollte, durch eine Anzeige der Nachbarn platzte. Mehrmals bedrängte Gerd W. zunächst Hassan Sch. (26), seit sechs Monaten Mieter seiner Männerpension. Der lehnte jedoch die krude Offerte seines Vermieters ab.

Als Hassan Sch. eines Abends Freund Mustafa A., Student der Kommunikationstechnik und ebenfalls ein Heimbewohner, von dieser Sache erzählt, ist dieser spontan begeistert: "Ich mache das!" Die 2.000 Euro Anzahlung will er einstecken und ebenfalls die Tat verweigern: denn zur Polizei gehen könnte Gerd W. schließlich nicht. Hassan Sch. vermittelt Mustafa A. an den mordlustigen Vermieter Gerd W.

3.000 Euro zur Strafe

Diese Kuh lässt sich auch weiter melken, denkt Mustafa A. wohl, nimmt alle Gespräche mit Gerd W. auf Band auf und lässt Treffs mit Gerd W. von seinen Freunden Ibrahim und Charlie auf Video bannen. Am Tag, als Nachbarn wegen des Herumlungerns der Libanesen vor dem Haus der Eheleute W. die Polizei einschalten, teilt Mustafa A. dem erschrockenen Gerd W. mit: "3.000 Euro oder das Tonband und Videokassette gehen an die Polizei oder deine Frau." Das als Strafe für seine Mordpläne.

Mit Ach und Krach und guter anwaltlicher Unterstützung kommt Gerd W. aus dieser Sache noch einmal heraus. Auch Ehefrau Renate W., die Gerd W. sorgsam mit Desinformation präpariert, bekommt davon kaum etwas mit. Nur dass eines Tages die Haustürschlüssel verschwunden sind.

Wenn se den Ständer denn so hinschiebt ...

Gegen Gerd W. spricht auch sein Verhalten am Tattag des 10. März 2005. Nachdem Mario H. bei der Polizei Anzeige gegen Gerd W. erstattet hatte, werden dessen Telefonate abgehört und Mario H. für die Zeit der konspirativen Treffs verwanzt. Alexander Hübner von der 5. Mordkommission: "Richtig überzeugt waren wir am Anfang nicht." Doch was die Ermittler mittels Abhöraktion zu hören bekommen, macht sie hellhörig.

Am 10. März 2005 gegen 18:00 sind mindestens zwei Teams der Kripo im Einsatz. Alexander Hübner hält eine Standleitung zum Handy von Mario H., der auftragsgemäß Renate W. ermorden soll. Aus den Abhörprotokollen Gerd W.: "Wenn se den Ständer denn so hinschiebt ...", dann sollte Mario H. zustechen. Während dieser Zeit parkt Gerd W. in Sichtweite des Trödelladens seiner Frau und wartet ab.

Was soll ich dazu noch sagen

Schließlich schlägt das zweite Ermittlerteam zu und verhaftet den im Auto sitzenden Gerd W. Kripobeamter Daniel Goldbach (30), der den Angeklagten festnahm vor Gericht: "Gerd W. war überrascht und leistete keine Gegenwehr." Bei seiner ersten Vernehmung ist Gerd W. zunächst sicher und mimt den Überlegenen. Als ihm Alexander Hübner jedoch eröffnet, die Treffs mit Mario H. seinen abgehört worden, sackt er in sich zusammen: "Was soll ich dazu noch sagen."

Er muss mich abgrundtief gehasst haben

Auch das potenzielle Mordopfer Renate W. (54) ist am 18. Januar 2006 als Zeugin geladen. Seit ihr die junge freundliche Polizeibeamtin vor der Tür ihres Geschäftes eröffnete: "In dieser Minute wollte ihr Mann Sie ermorden. Er ist soeben festgenommen worden", ist die Welt für sie aus den Fugen.

Auch Renate W. behauptet, ihr Mann habe sie überall schlecht gemacht und immer Recht haben wollen. Aber auch: "Wir haben harmonisiert und uns ergänzt." Dann bricht sie in Tränen aus, bei den Worten: "Wir haben gemeinsam die Natur genossen. Zusammen aus dem Fenster gesehen, das Mäuschen auf dem Hof beobachtet, die Vögel und dann das ..." Renate W., die seit 1972 mit Gerd W. verheiratet ist, kann zu keinem anderen Ergebnis kommen als dem: "Er muss mich abgrundtief gehasst haben."

Ein Bierchen und ein Apfelkorn

Zum Verständnis des Charakters von Gerd W. kann auch der psychologische Gutachter Dr. Alexander Böhler (54) wenig Interessantes beitragen. Über den Mann, der sich in der Regel mit seinen abendlichen drei Bierchen und seinem Apfelkorn in den Partykeller zurückzog, hat er während dreier Termine immerhin soviel in Erfahrung gebracht: Gerd W. sei ein devoter Zug eigen, ein furchtbar zerrissener Mensch mit einem übergroßen Harmonisierungs- und Idealisierungsdrang und starken Abwertungstendenzen. Seine dominante, hochaktive Mutter habe ein rigides, wenig herzliches Familiensystem geführt. Einen Grund zu mildernden Umständen sieht der Sachverständige Dr. Böhler nicht.


Urteil vertagt

Die Plädoyers sind gehalten, Gerd W.s letztes Wort gesprochen. Ein Urteil wird es jedoch erst am 13. Februar 2006 geben. Denn Rechtsanwalt Gerhard Jungfer, die Rechtsvertretung des Angeklagten, gab dem Gericht mit seinem Plädoyer noch einmal eine harte Nuss zu knacken.

Nachdem Gerhard Jungfer das Protokoll einer Unterredung mit seinem Mandanten in seiner Kanzlei verliest, in der Gerd W. (nachträglich) nun auch die geplante Ermordung seiner Frau durch einen libanesischen Pensionsbewohner im Jahre 2002 zugibt, wurde plädiert.

Was im Plädoyer der Staatsanwaltschaft noch glasklar erscheint - alle drei Mordmerkmale seien erfüllt: Heimtücke, Habgier, niedere Beweggründe und ein Antrag auf fünf Jahre Freiheitsstrafe – relativiert Jungfer geschickt mit seinen Ausführungen.

Trotzdem mildernde Umstände, so der Rechtsanwalt, laut Gutachten des psychologischen Sachverständigen, nicht in Frage kämen, litte Gerd W. doch an "Zwangsvorstellungen an der Grenze des §21 StGB" (gemeint ist die 'Zwangsvorstellung', seine Frau ermorden lassen zu wollen).

Viel zu früh sei zudem der Zugriff der Polizeibeamten am Tattag auf den im Auto abwartenden Gerd W. geschehen. Schließlich war erst um 19:00, eine halbe Stunde später, der Mord an Renate W. geplant. Es hätte doch sein können, "dass Werner aufsteht, zu Heller geht und sagt: 'Nun lass uns mal einen Kaffee trinken gehen.'"

Die stärkste Karte spielt Rechtsanwalt Jungfer jedoch mit einem Urteil des Neubrandenburger Landgerichts in einem ähnlichen Fall aus. Zwei Jahre auf Bewährung hatte das Gericht gegen einen Arzt verhängt, der einen Dritten beauftragte, seine Frau aus dem ICE nach Stralsund zu stoßen. Auch in diesem Fall ging der gedungene 'Auftragsmörder' nur zum Schein auf das Angebot ein. Und auch der Arzt leugnete fast bis zum Schluss des Hauptverfahrens seine Schuld.

Wie an den anderen Prozesstagen erschien Gerd W. auch am 25. Jan. 2006 relativ emotionslos. Zweimal ergriff er das Wort: zu Beginn der Verhandlung, in dem er dem Gericht versicherte, dass Habgier nicht der Antrieb seines Handelns sei: "Dieses Motiv finde ich völlig falsch." - (Ein Mordmerkmal, das in der Strafzumessung eine Rolle spielt.) In seinem letzten Wort verkündet Gerd W. dem Gericht seine Entschuldigung gegenüber seiner Frau. (Eine Geste, die auf das Gericht günstig wirken kann.) Renate W., die – wie er weiß - im Publikum sitzt, schaut er dabei nicht an.

Nur einmal, am 18. Januar 2006, verändert Gerd W. - nein, nicht seine reglose Mimik - sondern die Gesichtsfarbe. Und das in einer rasanten Geschwindigkeit: er läuft zunächst feuerrot an, um dann aschfahl zu erbleichen. Alle Felle wegschwimmen sah er vermutlich, als Hassan Sch. überraschend und fast ungezwungen aussagte, wie ihm der Angeklagte bereits 2002 den Auftrag zum Mord an seiner Frau Renate antrug. Damit war sein Märchen von 'Mario H. war es' zunichte.

Noch immer tut sich Staatsanwaltschaft und offenbar auch das Gericht schwer mit dem Tatmotiv. Der Staatsanwalt im Plädoyer: "Gerd W. empfand seine Frau offenbar als Störfaktor." Gegenüber Mario H., der Gerd W. vorschlug, sich doch scheiden zu lassen, äußerte Gerd W. jedoch einmal: "Dann verliere ich ja alles." - Und meinte damit sicherlich: Gütertrennung, Unterhaltsverpflichtungen, die ganze kleinkonventionelle Palette eben ... Eigentlich kein so großes Rätsel.


Urteil vom 27.02.06:
Fünf Jahre Haft lautete das Urteil für Gerd W., der dem Gericht weismachen wollte, dass der von ihm erteilte Mordauftrag an seiner Frau nur ein Gedankenspiel gewesen sei, das erst durch die Ermittlungen der Kripo eskalierte. In der Urteilsbegründung betonte der vorsitzende Richter Ralph Ehestädt mahnend: "Freuen Sie sich, dass Sie heute nur fünf Jahre Haft bekommen haben und dass Ihre Noch-Ehefrau noch unter uns weilt!" – Denn der durch das StGB vorgegebene Strafrahmen hätte eine Haftstrafe von drei bis zu 15 Jahren vorgegeben.

(zurück nach oben)



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




gitter

Renate W.
Noch-Ehefrau Renate W. kann sich die Mordabsichten ihres Mannes nicht erklären: "Ich habe ihn bis zuletzt geliebt."

Renate W.
Renate W., fassungslos, im Gespräch mit dem Mann, der sie töten solle: Mario H.


Die 35. große Strafkammer des Moabiter Kriminalgerichts unter Vorsitz des Richters Ralph Ehestädt vertagte das Urteil auf den Montag in zwei Wochen.

Anzeige
Kanzlei Luft
In eigener Sache:
Barbara Keller, Sieht so eine Mörderin aus?
Kanzlei Hoenig Kanzlei Hoenig