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krimirezension ab 2003-2021

 

Rob Alef
"Immer schön gierig bleiben"
Rotbuch Verlag Berlin 2013,
Unionsverlag Taschenbuch 2016
ISBN 978-3-86789-184-4
14,90 €

Wieder entdeckt: Rob Alef "Immer schön gierig bleiben"

von Susanne Rüster


Lust auf einen schrägen Berlin-Krimi? Leser*innen mit Spaß an Satire, schwarzem Humor, überbordender Phantasie bis zur Phantastik kommen voll auf ihre Kosten.

Mieten schießen in den Himmel, Touristen überschwemmen Berlin, anonyme Sushi-Lieferungen beunruhigen nicht nur eine zahnmedizinische Fachangestellte, und Antigen, Zusammenschluss Friedrichshainer Lobbyisten für eine soziale Stadt, wird zum Zielobjekt der Kripo. Denn die natürliche Feindin im Kampf um Wohnraum, eine Immobilienmaklerin, wird erwürgt auf einem Friedhof auf der Halbinsel Stralau aufgefunden. War der Täter ein Stadtteilaktivist, ein Kunde, ein Konkurrent? Oder reicht das Motiv weit in die Vergangenheit zurück? Zehn Jahre zuvor wurde eine andere junge Frau ermordet - auch sie nach Eintritt des Todes vom Mörder schön geschminkt.

Zwei Leichen, ein Kommissars-Team, unterschiedliche Verdächtige  –  innerhalb des genretypischen Gerüstes lässt Rob Alef  Protagonisten mit sehr speziellen Charakteren ermitteln: Hauptkommissar Pachulke, um die 60, übergewichtig, Kriminalist mit genialen Einfällen, aber ohne Lust auf Karriere, bastelt Kunstwerke aus Büroklammern und sammelt manisch Schallplatten. Der Kriminalassistent "zur besonderen Verwendung" Dorfner, durchtrainiert, von schlichtem Gemüt, haut zu gern drauf. Daher muss er jetzt Akten durchsehen und hat Ausgang nur mit der Kollegin. Hauptkommissarin Zabriskie, charismatisch, attraktiv, hat außer für ihren Beruf eine Vorliebe für Männer und Highland Park Single Malt Whisky. Und dann sind da noch die Kommissare Bördensen (Chaot, Hertha-Fan, liebt Dienst nach Vorschrift und sein Familienleben) und Stiesel (rothaarig, sieht aus wie fünfzehn, lebt bei der Mutter, rudert auf der Dahme und liebt "Eisern Union" und die Alte Försterei). Natürlich haust das Team nicht im üblichen Büro, sondern in Containern im Hinterhof des Polizeipräsidiums, in denen sie sich einen Relax-Bereich mit Luftmatratzen und aufblasbarem Pool eingerichtet haben.

Pachulkes Team macht sich auf die Suche nach dem Mörder.  Der Fall zeigt überraschende Wendungen und in ihrer Alltäglichkeit köstlich beschriebene Nebenfiguren, deren Rolle sich erst beim fortgeschrittenen Lesen erschließt. Den zur Ermordung einer Maklerin passenden Hintergrund bildet die problematische Berliner Wohnsituation, der Kampf gegen explodierende Mieten und die Vertreibung durch Luxusmodernisierung.

Die Gier von Hauseigentümern macht auch vor den Kommissaren nicht halt. So wird Dorfner gekündigt, weil durch sein Training am Sandsack und das Abwerfen der Hanteln Putzflocken in die Teller der darunter Wohnenden rieseln und eine Nachbarin durch seine Kampfschreie Angstzustände erleidet. Auch bei Zabriski wird der Boden unter den Füssen aufgrund einer Eigenbedarfskündigung wackelig, und bei Pachulke wackelt die Statik des Mietwohnhauses unter der Last seiner Schallplatten-Sammlung. Bei einer Besichtigung derselben Wohnung treffen sich ausgerechnet die beiden leidenschaftlich verfeindeten Kollegen Zabriskie und Dorfner, was zum Aufflammen bisher erfolgreich bekämpfter amouröser Vorstellungen führt.

Pachulke mit seinem hervorragenden Gedächtnis treibt die Handlung voran, als er sich auf einer langen, detailliert und vergnüglich beschriebenen Fahrt mit dem Bus 104 von Friedrichshain nach Neukölln schließlich an einen ähnlichen Fall mit einer geschminkten Leiche erinnert. Die Ermittler drehen jetzt auf, und jeder im Team trägt mit seinen besonderen Fähigkeiten dazu bei, den Mörder zu finden.

Rob Alef nimmt sich gesellschaftliche Auswüchse wie die Yuppisierung mit schwarzem Humor und viel Ironie vor. Trotz Kritik an Gesellschaft, Bürokratie und übersteigertem Besitzstreben vermeidet der Autor völlig den erhobenen Zeigefinger. Und er teilt satirische Seitenhiebe auch gegen die bunt aufgestellten Friedrichshain-Aktivisten aus, einschließlich eines spitz-humorvollen Blicks auf die zur Schau getragene Gendergerechtigkeit.

Der Autor setzt zudem mit seinen Ausflügen in die Welt der Phantastik noch eins drauf:  So ermitteln die Kommissare in der "Treptower Halde", auf der die Stadtreinigung ihre Container entleert.  Auf den Müllbergen hat sich mittlerweile eine Gegenwelt eingerichtet. Hier leben Menschen nach eigenen Regeln in ihren aus Holz, Gummireifen, Flaschen errichteten Unterkünften. Ein surrealistisches düsteres Szenario. In einer beklemmenden Szene sucht Zabriskie einen Professor auf, der sich im - mittlerweile unter Müll begrabenen - Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park eingerichtet hat. Der "Augenmann" schafft es, die letzten visuellen Eindrücke der Toten aus ihren Kontaktlinsen zu filtern, so dass das Gesicht des Mörders erscheint. Ein so skurriler Einfall, dass man nur noch staunt.

Der Stil Rob Alefs ist anspruchsvoll und zugleich locker bis teilweise salopp, die Geschichte lässt sich flüssig lesen, erfordert aber Aufmerksamkeit, will man die schwarzhumorigen Geistesfunken des Autors gebührend genießen.

Fazit:
"Immer schön gierig bleiben” ist ein satirischer Krimi mit hohem Unterhaltungswert. Liebhaber*innen des klassischen Ermittlerkrimis müssen allerdings wegen des teilweise nicht realistischen Plots, der - zugunsten bissig-ironischer Beobachtungen - streckenweise geminderten Spannung und der eingeschränkten Praxistauglichkeit des skurrilen Kommissariats-Teams kleine Abstriche machen. Wer aber offen ist für die Seitenwege des Krimigenres, kann hier lachen, staunen, erschrecken, und wieder lachen.

Der Volljurist und freiberufliche Rechtshistoriker Ralf Oberndörfer hat sich nach diesem 4. Pachulke-Krimi im Jahr 2019 vom Pseudonym Rob Alef verabschiedet und veröffentlicht wieder unter seinem Namen andere Texte.


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