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krimirezension ab 2003-2013

 

Amanda Knox
"Zeit, gehört zu werden"
Droemer - 30. April 2013
ISBN-10: 3426276062
19,99 €

Amanda Knox: Zeit, gehört zu werden

von Barbara Keller


'Blind Justizia in Berlusconi-Land!' möchte man meinen im Mordfall Meredith Kercher (2. 11. 2007, Perugia) - frühestens seit der Verurteilung des Chefanklägers Giuliano Mignigni („Vorwürfe von Amtsmissbrauch“), spätestens seit der Wortmeldung der als Mörderin verurteilten, dann freigesprochenen, jetzt wieder unter Anklage stehenden US-Amerikanerin Amanda Knox (25) mit ihrem Buch „Zeit, gehört zu werden“ („Waiting to Be Heard: A Memoir“), Droemer Verlag.
Heute, am Montag, den 30. September 2013, beginnt in Italien der dritte Prozess gegen zwei der drei mutmaßlichen Mörder der britischen Studentin. Ein teilgeständiger Mann von der Elfenbeinküste sitzt bereits seit 2011 in Haft. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft sollen die drei jungen Leute die 21-jährige Studentin Kercher während einer entgleisten Drogen- und Sexparty brutal zu Tode gebracht haben. Das Motiv: sexuelle Perversion oder pure Mordlust.

Das damals frisch verliebte Paar, Amanda Knox und Raffaele Sollecito (20 und 23 Jahre alt), beide Studenten in Perugia, wurden im Dezember 2009 in einem langwierigen Indizienprozess der Tat für schuldig befunden und Amanda Knox zu 26 Jahren Haft verurteilt. 2011 wurde das Urteil in zweiter Instanz aufgehoben. Die Angeklagten kamen nach vier Jahren Haft frei. Heute, sechs Jahre nach der Tat, stehen auf Betreiben der Staatsanwaltschaft Amanda Knox und Raffaele Sollicito erneut vor Gericht. Amanda Knox hat sich dafür entschieden, dem Prozess im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten aus der Ferne, von zu Hause in Seattle (USA), zu folgen.

Kaninchen hinter Gittern

Über Amanda Knox ist viel fantasiert worden. Die aus einer deutschstämmigen Familie gebürtige, US-amerikanische (damalige) Austauschstudentin wurde dämonisiert und als „Engel mit den Eisaugen“ und „Foxy Knoxy“ anhaltend durch die Medien gezerrt. Kurz bevor das Kassationsgericht in Rom im März 2013 den Freispruch gegen sie aufhob, nahm sie selbst Gelegenheit, sich zur Tat, zur eigenen Person zu äußern und die Dinge, wie sie meint, richtig zu stellen. Im April dieses Jahres erschien auch in Deutschland ihr autobiografisches Buch „Zeit, gehört zu werden“ (im Original: „Waiting to Be Heard: A Memoir“) bei Droemer.

Amanda Knox, die heute in ihrer Heimatstadt Seattle 'Creativ Writing' studiert, dürfte heute mehrfache Millionärin sein. Ursache ist in erster Linie der gegen sie ins Leben gerufene, internationale Medienrummel. Ihre Familie hat es verstanden, die gegen Amanda in den Medien grassierende Kampagne für sie pekuniär zu wenden. Allein für die Buchveröffentlichung soll Amanda Knox von Harper vier Millionen Dollar erhalten haben. Vier Jahre saß sie in Haft, nun arbeitet Knox ihre dramatische, blutjunge Vita in Talkshows und Interviews ab.

Teene Mörder Millionär

In ihrem 504 Seiten zählenden Buch schildert Amanda Knox ihre Situation im Jahr 2007, wie sich die Ereignisse der Mordnacht vom 1. November 2007 aus ihrer Sicht darstellten und vor allem ihren Kampf um ihre Freiheit. Vom blutigen Newbie in der Studentenmetropole zum Langzeit-Häftling, der 'die Kaninchen vor den Fenstergittern beneidet', trennten die 20-jährige Austauschstudentin bei ihrer Ankunft in Perugia im Oktober 2007 gerade einmal zwei Monate. Knox verlässt, so schildert sie, ein behütetes, bürgerliches Dasein in Seattle an der Westküste der USA, um in der Heroin-Hochburg Perugia, ein eigenes Leben fern von den besorgten Eltern zu probieren.

Sie findet einen Kellnerinnenjob, lebt ein lockeres Studentenleben, konsumiert - wie viele andere auch - Cannabis und hat One-Night-Stands, die ihr, wie sie schließlich findet, nicht liegen. Als Meredith Kercher, mit der sie in einer WG zusammen wohnt, in der Nacht vom 1. November 2007 getötet wird, will Knox mit ihrem gegenwärtigen Lover, Raffaele Sollecito - einem italienischen Informatikstudenten, zusammen gewesen sein. Sie gerät ins Fahndungsfeld der Ermittler, die sie als Haupt- und Tatverdächtige in der Folge nicht mehr aus den Klauen lassen.

Knox, heute 25-jährig, hat das vorliegende Buch, wie sie sagt, selbst geschrieben. Durchaus glaubhaft berichtet sie darin, wie sie sich in den zwei Tage dauernden, ermüdenden Verhören durch italienische Kriminalbeamte im Herbst 2007 ohne Dolmetscher, ohne Rechtsanwalt in Widersprüche verstrickte. Wie Ermittler sie mit Kopfnüssen ermunterten, endlich die 'Wahrheit' zu sagen. Und wie sie dann aus einer Mischung aus Ermüdung, Irritation und Angst situativ Antworten anbot, die sie als Täterin festnagelten.

Inwieweit sich die junge, behütete, attraktive Zwanzigjährige unter den gegebenen Verhältnissen in einer Weise befriedigend 'natürlich' benehmen konnte, die den Erwartungen der medialen Öffentlichkeit genügte, ist fraglich. Von Muttis heiler Welt ins schillernde Vergnügen fernwestlicher Partys, von der Anklagebank und den langen Nächten in italienischen Strafanstalten wieder zurück in den Schoß der Familie. Vom Teene zur Mörderin, zum Unschuldslamm und vom Medienstar zur Millionärin zurück auf die Anklagebank. - Mit ihrem Buch "Zeit, gehört zu werden" erklärt sich Amanda Knox bei allen Schwierigkeiten zwischen den Zeilen selbst.

Fazit: Interessantes Zeitzeugnis. Keine Glanzleistung der Strafjustiz aus Berlusconi-Land.



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