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Hier lasen Sie im Herbst 2007 in wöchentlicher Folge Axel Bussmers Debütkrimi "Ein bisschen Luxus".
Jeden Montag neu...

krimidebüt mit folgen...

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Axel Bussmer, "Ein bisschen Luxus" (25/28)


Noch zwei., dachte Diana. Durchaus zu schaffen. Unter ihr verschmolz die Universität mit dem sie umgebenden Wald. Gut zwei Uhr. In Egg war nur noch die Straßenbeleuchtung an. In etwa drei, dreieinhalb Stunden ging die Sonne auf. In etwa fünf Stunden wurde die Uni wieder aufgeschlossen. Vielleicht auch etwas später. Die Bibliothek öffnete um neun Uhr. Spätestens bis dahin musste sie die Sache durchgezogen haben. Dummerweise wären sie jetzt doppelt vorsichtig.

Die Eingangshalle als natürliches Zentrum fiel für eine Falle aus. Zu groß. Nur ein ausgezeichneter Schütze würde quer durch die Eingangshalle jemand treffen. Ein anschleichen von vorne war, ziemlich egal wo sie sich verschanzten, nicht möglich. Ebenso wenig könnte einer von ihnen unbemerkt hinter sie schleichen. Das wussten Wieland und Kraft auch. Allerdings würden sie dort solange bleiben, bis sie wussten, wo sie sich aufhielt.

Sie stand auf und ging zu einem der Chemielabore. In der Schule hatte sie Chemie immer gelangweilt. Bei der Polizei hatte sie dann einiges über Sprengstoffe erfahren. Besonders nachdem die Angst vor terroristischen Anschlägen bei der Berliner Polizei wirklich virulent wurde. Auf mehreren Lehrgängen hatte sie erfahren, wie einfach gefährliche Bomben gebaut werden können.

Sie versuchte die Schilder auf den Flaschen zu entziffern. Aber es war zu dunkel. Nach einigem Zögern machte sie das Licht an. Sie las die verschiedenen Etiketten. Offen zugänglich waren nur harmlose Chemikalien. Die Gefährlichen waren im Giftschrank eingesperrt. Ein stabiler Schrank mit einer Glastür aus schusssicherem Glas.

Sie verließ das Labor und ging vorsichtig eine Treppe hinunter. Es wurde langsam zu gefährlich, in diesem Teil des Gebäudes zu bleiben.

Wieland beugte sich über einen Lageplan. "Vom Naturwissenschaftlichen Bereich gibt es nur einen Zugang zur Eingangshalle. Unterirdisch mehr. Außerdem hat sie inzwischen einen Schlüssel."

"Kurz gesagt, sie kann sich genauso frei bewegen, wie wir."

"Hm. Aber sie will gegen uns kämpfen. Also wird sie das Gelände nicht verlassen. Sie wird auch nicht in den Eingangsbereich gehen. Die Mensa auch nicht. Zu groß. Zu übersichtlich. Zu wenige Möglichkeiten zur Flucht. Damit fällt dieser Bereich weg."

"Die Bib auch."

"Warum?"

"Nun, sie ist auch zu übersichtlich."

"Hm. Also bleiben mehr oder weniger alle Büros übrig." Wieland streckte sich. "Und der Keller."

"Glaube ich nicht. Hier, wenn sie uns in irgendeinen dieser langen, geraden Flure lockt, kann sie uns locker abschießen. Dann sind wir zwei wandelnde Zielscheiben, mit einem riesigen Schieß-mich-tot-Schild auf der Brust."

"Nur, wenn wir sie nicht sehen."

"Nun, bei der spärlichen Nachtbeleuchtung werden wir sie nie sehen. Auch, wenn sie bequem mitten auf dem Flur auf einem Stuhl sitzt. Und wenn wir im Flur das Licht anmachen, bevor ihn betreten, rufen wir ihr laut und deutlich Wir kommen! zu."

Wieland verzog verärgert sein Gesicht. Es war offensichtlich, auf was sein Freund hinauswollte. Aber ihm gefiel die Idee, die Uni mitten in der Nacht in einen Weihnachtsbaum zu verwandeln, überhaupt nicht. "Es gibt keine andere Möglichkeit?"

"Nein."

"Dann wollen wir mal den Lichtschalter suchen."

Diana lauschte. Es war nichts zu hören. Zögernd steckte sie den Schlüssel in die Tür. Gab es bei der Leitwarte einen Alarm, wenn nachts die Türen geöffnet wurden? Sie hatte keine Ahnung. Eher nicht. Denn sonst müssten die Nachtwächter ständig Alarme abstellen oder Türen kontrollieren. Wenn sie sich irrte, wäre sie jedenfalls verschwunden, bevor ihre beiden Verfolger hier wären. Und im Moment wussten sie sowieso ziemlich genau, wo sie war und dass sie den naturwissenschaftlichen Bereich irgendwann verlassen würde.

Sie drehte den Schlüssel um, zog die Tür auf, atmete die kühle Nachtluft ein. Sie sperrte hinter sich wieder ab und lief zum schützenden Wald.

Als sie noch einige Meter von ihm entfernt war, wurde es hinter ihr taghell. Jedenfalls, nachdem sich ihre Augen in den vergangenen Minuten, eigentlich eher Stunden, an die verschiedenen Notbeleuchtungen und das Mondlicht gewöhnt hatten, erschien es ihr so. In einer fließenden Bewegung duckte und drehte sie sich zur Uni um.

Alle Flure und Gänge waren erleuchtet. Nur die Büros und Hörsäle lagen im Dunkel. Damit löste sich ihr nicht gerade genialer Plan, Wieland und Kraft in einem der Flure zu stellen, in Luft auf.

Sie drehte sich wieder um und sprang in den Wald. Sie wartete. Nichts bewegte sich in der Uni. Niemand schoss auf sie. Nach einer guten Minute ging sie los, an der Mensa vorbei zu den geisteswissenschaftlichen Teilen der Uni. Sie hielt sich immer, soweit es ging, im Wald und später im Gebüsch. Dabei beobachtete sie die Uni zu ihrer Rechten genau. Aber nichts bewegte sich. Sie war nur ein hell erleuchtetes Raumschiff.

Zwischen dem D- und F-Bereich schlich sie sich zurück zur Uni, öffnete die Tür und betrat wieder das Gebäude. Hier gab es einige längere Gänge, einige Ecken, in denen sie sich halbwegs verstecken konnte, eine Tür zur Bibliothek und mindestens eine Tür zum Keller. Ziemlich ideale Bedingungen.

Sie hob ihre Beretta, zielte auf eine Fensterscheibe und schoss auf sie. Das Glas zersplitterte, aber die Scherben blieben zu einem großen Teil hängen. Schusssicheres Glas. Eigentlich müsste jetzt in der Leitwarte ein Alarm losgehen. Aber sicher ist sicher. Mit dem Knauf der Pistole zerschlug sie einen Feuermelder. Die Sirene ging los.

Zuerst blinkte es auf dem Schaltbrett der Leitwarte. Einige Sekunden später heulte die Feuerwehrsirene.

"Scheiße."

"Wo?", fragte Wieland.

"F, unten."

"Wir haben sie., sagte Wieland. Er empfand die Freude eines Jägers, der nach stundenlangem Warten endlich sein Wild vor die Flinte bekommt.

Und sie uns.", dachte Kraft. Ihm hatte dieser Teil der Uni nie gefallen. Wahrscheinlich, weil er mit den statistischen Teilen seines Studiums immer große Probleme hatte. Als er begann, hinter Wieland her zu laufen, klingelte das Telefon.

Er schnappte sich den Hörer: "Ja?"

"Äh, hier ist die Polizei."

Au. Scheiße.

"Wir haben hier gerade einen Feueralarm bekommen."

Kraft schluckte: "Ach das."

"Ja?"

"Falscher Alarm. Falscher Alarm." Wieland winkte ihm verärgert zu. "Entschuldigung. Wir müssen ihn jetzt abstellen."

"Gut. Dann noch eine ruhige Nacht."

"Ja. Ade." Kraft ließ den Hörer auf die Gabel fallen. Zusammen mit Wieland liefen sie auf dem kürzesten Weg zu dem Alarm.

"Trennen?"

"Ja. Ich Treppe. Du Flur."

Kraft erschien das für ihn unvorteilhaft. "Nein. Umgekehrt."

Wieland zögerte den Bruchteil einer Sekunde, bevor er nickte. Er gab Kraft ein Funkgerät. "Wenns zweimal knackt bin ich unten. Bei dreimal hab ich sie gesehen."

"Okay."

Kraft lief den Flur weiter hinunter bis er die letzte Tür vor der Treppe erreichte. Dort lehnte er sich an die Wand, beruhigte seinen Atem, wartete auf das Knacken.

Wieland sah Kraft nach. Dann ging er die Treppe im E-Bereich hinunter. Er warf immer wieder einen Blick über das Treppengeländer. Lauschte. Aber nichts.

Unten angekommen drückte er zweimal auf die Senden-Taste. Nachdem er es selbst zweimal Knacken hörte, zog er die Tür auf und begann den Flur langsam hinunter zum F-Bereich zu schleichen. Die Beretta hielt er dabei, wie er es in unzähligen Filmen gesehen hatte, fest in beiden Händen. In seinen Ohren hörte er das gleichmäßige Puckern seines Blutes. Schweißtropfen rannen über sein Gesicht und seinen Rücken hinunter. Er versuchte flach zu atmen. Er hatte Angst. Denn er war eine lebende Zielscheibe. Und, im Gegensatz zu ihm, hatte die Jägerin Training im Schießen auf größere Distanzen. Er schlich zur nächsten Tür. War das Glas schusssicher? Und, noch wichtiger, hielt schusssicheres Glas wirklich Kugeln ab?

Diana stand in der halbwegs dunklen Ecke. In ihrer Rechten hielt sie die geladene Pistole. Ihre Augen wechselten im Zehntelsekundentakt zwischen der Treppe, den Fluren, der Bibliothek, obwohl sie von dort keine Gefahr vermutete, und dem ihr gegenüberliegenden Kellereingang, obwohl sie von dort noch weniger eine Gefahr vermutete.

Kraft hörte es zweimal Knacken. Er drückte ebenfalls zweimal auf den Knopf. Dann zog er die Tür auf, lauschte, hörte nichts, zog die Tür hinter sich zu. Mit einem Klicken, das sich für ihn wie ein Donnern anhörte, fiel die Tür hinter ihm zu. Er steckte das Funkgerät in eine Hosentasche, umklammerte die Beretta mit beiden Händen, ging zur Treppe, trocknete sich die Hände an seiner Hose ab, umklammerte wieder die Pistole und sah die Treppe hinunter. Nichts zu sehen. Aber war es wirklich eine gute Idee gewesen zu tauschen? Die Treppe bewegte sich frei schwebend nach unten. Nur begrenzt von einem Gitter. Wahrscheinlich hielt es Schüsse ab. Aber sie könnte ihn von unten sehen und in aller Ruhe abknallen. Denn in jedem Fall müsste er immer wieder über das Geländer blicken und irgendwann könnte sein Kopf weg sein. Aber er hatte es so gewollt.

Auf der ersten Stufe rutschte er ab. Mit seiner Linken hielt er sich am Geländer fest. Setzte sich mit einem dumpfen Rumms auf seinen Hintern.

Diana hörte einige Etagen über sich ein Geräusch.

Nummer eins.

Dann würde der andere aus dem Flur kommen.

Kraft drehte seinen Fuß in alle Richtungen. Es ging. Ohne Schmerzen. Dankbar schickte er ein kleines Gebet zum Himmel. Er stand auf, blickte schnell nach unten. Nichts. Trotzdem, wenn sie unten auf ihn wartete, hatte sie ihn gehört. Die Überraschung war weg. Kraft schlich schnell die Treppe zwei Etagen hinunter. Wieder ein schneller Blick über das Geländer. Wieder nichts.

Er holte sein Funkgerät und drückte dreimal.

Dreimaliges Knacken.

Kraft hatte sie gesehen.

Wieland zog die Tür auf und ging in den F-Bereich. Wo war sie nur? Vor der links von ihm liegenden Bibliothek war sie nicht. Gegenüber von ihm auch nicht. Das wäre auch selbstmörderisch gewesen und er hätte sie schon lange gesehen. Rechts, bei den Toiletten, schon eher.

Allerdings hatte Kraft sie gesehen. Die Toiletten fielen damit flach.

Nur - dort wäre das beste Versteck.

Sollte Kraft ihm ein falsches Signal gegeben haben? Ihn als Schießscheibe auf den Präsentierteller locken?

Wieland blieb mit ausgestreckten Armen stehen. Die Pistole schwenkte er mit seinen Augen von links nach rechts und wieder zurück. Sie musste bei den Klos sein.

Er grinste. Denn dann könnte er sich ihr von hinten nähern. Zu diesen Toiletten gab es zwei Türen. Er schlich weiter bis er zur ersten Tür gelangte. Dahinter war sie nicht. Er wechselte die Pistole von seiner linken in seine rechte Hand. Mit seiner rechten zog er an der Tür.

Kraft ging die Treppe weiter hinunter. Den sich langsam bewegenden Schatten von Wieland hatte er bereits bemerkt. Ausgezeichnet. Wenn sie sich bewegte, könnte er sie von hier oben abknallen.

Die linke Tür zum F-Bereich war offen. Dann stand sie vor den Toiletten. Nicht schlecht.

Verschlossen.

Wieland nahm die Pistole wieder in seine rechte Hand. Dann also von vorne. Er versuchte, seine Atmung zu beruhigen.

Ein Knacken aus seinem Lautsprecher. Jetzt war es nicht mehr leise, sondern ein die Stille zerreisender Hier-bin-ich-Ruf. Erschrocken zog er den Abzug durch. Der Lärm des Schusses erschien ihm dagegen leise.

Die Kugel bohrte sich, ohne irgendeinen Schaden anzurichten, in einen Betonpfeiler.

Innerlich lächelte Diana. Die Herren waren nervös.

Kraft ließ sein Funkgerät fallen. Es polterte die Stufen hinunter. Er beugte sich über das Geländer und zielte nach unten.

Ein Schuss ertönte.

Er zuckte zusammen.

In diesem Moment fiel ihm bei den Toiletten eine Bewegung auf. Der Schatten veränderte sich. Eine Gestalt trat aus dem Schatten, ging in die Knie, zielte nach oben, auf ihn.

Woher wusste sie so genau, wo er war?

Kraft gab einen ungezielten Schuss in Richtung der Frau ab. Er spürte ein heißes Brennen an seinem rechten Oberarm. Wollte die Pistole loslassen. Sich die Wunde im Arm ansehen. Aber er umklammerte die Beretta. Drückte wieder ab. Und wieder.

Sein dritter Schuss war nur noch ein Reflex. Denn ihre zweite Kugel trat irgendwo in seinem oberen Brustbereich ein, irgendwo zwischen Hals und Kopf aus ihm heraus und flog weiter bis sie auf Beton traf.

Er fiel die Treppe hinunter bis zum Absatz. Als er aufschlug, war er bereits tot. Seine Pistole landete anderthalb Stockwerke tiefer zwischen Diana und Wieland.


Axel Bussmer beim Ausbrüten feinteiliger Straftaten (rein literarischer Natur)
AXEL BUSSMER
iM INTERVIEW


(mit ULrike Duchna, Franka Plaschke und Barbara Keller im AREMA/Moabit
vom 31.07.2007...)


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