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Hier lasen Sie im Herbst 2007 in wöchentlicher Folge Axel Bussmers Debütkrimi "Ein bisschen Luxus".
Jeden Montag neu...

krimidebüt mit folgen...

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Axel Bussmer, "Ein bisschen Luxus" (23/28)


Wieland stolperte mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Leitwarte. Der Nachtwächter sprang auf und eilte zu ihm: "Was ist los?"

"Kommen Sie mit. Etwas Schreckliches." Wieland übertrieb jetzt seine Schmerzen und deutete zittrig in Richtung der Bibliothek.

"Wo?"

"Da. Da." Wieland deutete wieder in Richtung Bibliothek.

Der Nachtwächter lief an ihm vorbei.

Wieland stellte ihm ein Bein. Der Nachtwächter strauchelte, versuchte sich zu fangen. Aber Wieland schlug auf seinen Rücken, verstärkte die Fallbewegung. Er sprang in seinen Rücken. Gemeinsam fielen sie auf den Boden. Mit einem Griff brach er das Genick des Nachtwächters.

Wieland sah sich schnell um. Niemand hatte etwas bemerkt. Er schnappte sich den Schlüsselbund der Leiche.

Er probierte die Schlüssel durch, bis er den richtigen fand und die Studiobühne aufschließen konnte. Er zerrte die Leiche hinein. Hinter sich schloss er wieder ab.

In der Leitwarte hob er den Hörer ab und rief die Polizei an.

"Ja, hallo. Hier Müller, Leitwarte der Universität."

"Ist etwas los?"

"Äh, nein. Wir haben hier im Moment nur einige Probleme mit der Technik. Wissen Sie, wir spielen gerade ein neues Programm drauf..."

"Schon wieder. Ich dachte, Sie haben erst letzten Monat alles upgedatet."

"Dummerweise funktioniert es nicht so. Aber, wir müssten die Probleme in der Nacht beheben können."

"Sie meinen, wenn es Alarme oder so etwas gibt, müssen wir nicht kommen."

"Genau. Ich meine, solange wir Sie nicht anrufen, müssen Sie nicht rauskommen. Die Techniker sagen, es könnte einige falsche Alarme geben. Leitungen können eine zeitlang tot sein."

"Gut. Ich trag's ein. Wie lange dauert es denn?"

"Hoffe, dass wir nicht das ganze Wochenende hier sitzen müssen."

"Na dann, frohes Schaffen. Und..."

"Äh, ja?"

"Es wäre gut, wenn wir das nächste Mal früher informiert würden."

"Selbstverständlich. Wird nicht wieder vorkommen."

"Gut. Also dann auf Wiedersehen."

"Ade."

Wieland legte auf. Dann schnitt er das zum Telefon führende Kabel durch. Er fragte sich, ob er von hier aus alle Telefone abstellen könnte. Peter hätte da sicher eine Idee.

Diana atmete langsam aus. Dann löste sie ihren Zeigefinger vom Abzug. Die Beretta berührte ihren Oberschenkel. Sie entspannte sich. Wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Sie musste raus aus dem Keller. Sich von der Gejagten zur Jägerin verwandeln. Was natürlich leichter gesagt, als getan war.

Vorsichtig ging sie zur nächsten Tür. Sie hörte keine verdächtigen Geräusche. Das beruhigte sie etwas. Die Tür war zu. Die nächste ebenso. Und auch die übernächste. Langsam dämmerte ihr, dass ihr derzeitiger Plan einfach von einem Ausgang zum nächsten zu Gehen nicht gerade genial war. Besonders wenn vier Männer vor ihr her liefen, die Türen verschlossen und dann nach ihr suchen würden.

Und wenn sie planmäßig vorgingen, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sie einen Gang nach dem nächsten, einen Raum nach dem nächsten gesichert und verschlossen hätten. Solange, bis sie wirklich wie das sprichwörtliche Kaninchen in der Falle saß und nur noch auf die Schlange starren könnte. Bei einer Schlange, auch bei zweien, rechnete sie sich reelle Chancen aus. Zwei gezielte Schüsse und Ende.

Auf dem Schießstand war sie immer gut gewesen. Könnte funktionieren. Aber gegen vier Männer hatte sie keine Chance mehr zu überleben - wenn sie ihr gegenüber standen. Einzeln, Frau gegen Mann, stünden ihre Chancen wesentlich besser. Wenn die Männer nicht gerade Sportskanonen waren und sich halbwegs an ein Fairplay hielten. Was sie, wenn sie an den hinterrücks erschossenen Nachtwächter dachte, stark bezweifelte.

Diana probierte die nächste Tür aus. Warum gerade ich?, fragte sie sich mit fatalistischem Unterton. Wieder zu. Sie drehte sich um und ging zu dem Raum, in dem Wieland ihr die Bilder gezeigt hatte, zurück.

Verschlossen.

Auf der anderen Seite der Tür lag ihre Tasche mit ihrem Dietrich, Handy und etlichen weiteren, nützlichen Utensilien ohne die eine Dame niemals ihr Haus verlässt. Wie Deo und ein Feuerzeug.

Diana lehnte sich an die Tür und sah sich um. Drei Gänge. Vier Männer. Nach links gab es später die meisten ihr bekannten Verzweigungen und mehrere Türen und Lüftungsrohre in die Bibliothek. Diese konnte sie später benutzten. Von einer Falle in die nächste gehen. In der Bibliothek einen Brand entfachen und hoffen, dass die Feuerwehr käme, ehe sie erschossen wurde. Ein genialer Plan. Besonders bei ihrer Ehrfurcht vor Büchern. Auch wenn es nur langweilige wissenschaftliche Abhandlungen waren.

Nein, sie musste auf dem schnellsten Weg aus dem Keller und aus dem Gebäude.

Sie kam an einem Fahrstuhl vorbei. Blieb kurz stehen. Ging dann weiter. Zu gefährlich. Aber neben dem Fahrstuhl ging eine Treppe nach oben. Sie lauschte. Hörte nichts. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend ging sie hoch bis sie vor der Tür stand. Zu. Sie drehte sich um und ging wieder hinunter.

Wieland öffnete die Tür zur ersten von einer Reihe nebeneinander stehenden Telefonzellen. Mit einem kräftigen Ruck riss er den Hörer aus dem Telefon und ließ ihn auf den Boden fallen. Das gleiche tat er bei den anderen Telefonen und den drei sich daneben in einer riesigen Tonne befindenden Telefonzellen. Dann ging er vom Eingangsbereich zur Menseria. Bei der dortigen Telefonzelle tat er das gleiche. Die Haustelefone beachtete er nicht. Mit ihnen konnte man nicht nach draußen telefonieren. Schon während er an der Uni studierte, hatte es wenige Telefonzellen gegeben und seitdem eigentlich jeder Studi ein Handy hatte, hatte die Telekom sie, soweit es ging, abgebaut. Er fand diese Geschäftspolitik ausgezeichnet. Immerhin erleichterte sie ihm seine Arbeit. Noch besser wäre es, wenn die Leitwarte eine wirkliche Sicherheitszentrale wäre mit Alarmanlagen und Überwachungskameras an allen Ecken und Enden der Uni. Aber in der Leitwarte gab es im Wesentlichen nur die Außenalarme. Mit ihnen konnte er feststellen, dass gerade irgendetwas einen Alarm ausgelöst hatte. Und was hatte er schon davon, wenn er irgendwann erfahren würde, dass sie gerade das Gebäude auf eine nicht erlaubte Weise verlassen hatte?

Wieland ging langsam von der Menseria durch den Eingansbereich zurück zur Leitwarte. Von unten kam Peter Lade.

Er winkte ihm zu.

Ohne ein Wort zu sagen, stellten sie sich in eine dunkle Ecke mit einem guten Überblick über den Eingangsbereich.

"Hier. Ich hab sie unten aus dem Lager genommen."

"Danke." Wieland steckte die Beretta in seinen Hosenbund. "Hast du Ersatzmagazine mitgenommen?"

"Ja. Eine Handvoll." Lade angelte aus der Seitentasche seiner Cargohose ein volles Magazin und gab es Wieland.

"Kannst du die Telefone abstellen?"

"Gemacht hab ich's noch nie."

"Aber es geht?"

"Müsste. Die Telefone hängen am Netz. Wie das Internet." Lade rieb sich nachdenklich das Kinn. "Das Internet kann ich vom Rechenzentrum aus unterbrechen. Damit müssten auch die Telefone lahmgelegt sein. Ich weiß allerdings nicht, ob es dann nicht irgendeine Art von Alarm gibt."

"Keine Angst. Ich hab bereits mit den Bullen geredet."

"Und?"

"Hab denen irgendwas von einem Update erzählt. Dass es deshalb zu Unterbrechungen und Alarmen kommen kann. Und dass sie einfach nicht drauf achten sollen."

"Du bist genial.", sagte Lade. "Dann geh ich mal rüber."

Diana spürte einen von vorne kommenden Luftzug. Sie trat aus dem Gang heraus. Über ihr, - sie schätzte gut vier Meter -, waren ein Gitter und der Sternenhimmel. Allerdings gab es keine Treppe, keine Leiter oder in den Beton eingelassene Haltegriffe. Nichts. Sie war nur an einer großen Belüftungsluke angekommen.

Sie drehte sich um und starrte in die Mündung einer Pistole, die Hallers gehässig grinsende Visage kaum verdeckte.

"Erwischt."

Ohne ein Wort zu sagen und auch ohne nur eine Zehntelsekunde zu zögern - immerhin hatte sie sich in den vergangenen Minuten diese Situation und ihre Reaktionen oft genug in allen Details vorgestellt - ließ sie ihre Pistole auf den Boden fallen. Mit ihrer linken riss sie Hallers Schussarm aus ihrem Gesicht und ihn zu sich hin. Gleichzeitig rammte sie ihm ihre Rechte in seinen Kehlkopf. Er gab ein keuchendes Geräusch von sich. Sie ging in die Knie, schleuderte ihn neben sich auf den Boden und saß auf ihm.

"Ups.", sagte Diana.

Haller starrte sie mit glasigen Augen an.

Mit einem kräftigen, kundigen Handgriff betäubte sie ihn.

Sie schnappte sich Hallers Pistole, auch eine Beretta 92FS, anscheinend deren Standardwaffe, kontrollierte das Magazin, noch voll, schob die Pistole unter ihren Gürtel in ihr Kreuz. Sie durchsuchte seine Taschen. Aber außer einem Schlüssel fand sie nichts. Sie zog den Gürtel aus seiner Hose, fesselte seine Hände auf dem Rücken und stopfte sein benutztes Taschentuch in seinen Mund. Sie zog ihm die Schuhe und Strümpfe aus.

Mit Hallers Schuhen in ihrer Linken und ihrer Pistole in der Rechten ging sie zur nächsten Tür.

Lade ging zurück zu Wieland. Inzwischen stand Lothar Kraft bei ihm. Während Wieland mit durchgedrücktem Kreuz dastand und seinen Blick ähnlich einer Videokamera von links nach rechts, und wieder zurück, durch den Eingangsbereich bewegte, nach verdächtigen Bewegungen suchte, trat Kraft von einem Bein auf das andere, wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und zuckte zusammen, als hinter Lade die Tür zuviel.

"Mann.", zischte er.

"'tschuldigung", sagte Lade und versperrte auch diesen Ausgang. "Wo ist Fritz?"

"Keine Ahnung.", sagte Wieland. "Er müsste aber bald kommen."

"Das Warten bringt mich um.", sagte Kraft.

Die beiden anderen nickten. Sie kannten Lothar. Wenn er nichts tun konnte, war er immer ganz schnell ein Nervenbündel. Aber wenn die Action losging, blühte er auf.

"Und?"

"Nun, das mit der Standleitung war kein Problem. Konnte ich unterbrechen, als ob ich einen Telefonhörer auflege oder den Fernseher ausschalte. Aber mit den Telefonen war es schwieriger. Ich musste erst..."

"Jaja. Verschon mich mit den technischen Einzelheiten. Die verstehe ich sowieso nicht. Mich interessiert nur das Ergebnis."

"Hab's natürlich geschafft."

"Gut. Dann gehört uns ab jetzt diese Uni."

"Jedenfalls bis der Frühdienst kommt."

"Ich gehe zu den Telefonzellen.", sagte Lade.

"Wir suchen sie.", sagte Wieland und stieß Kraft leicht an. "Ah, die Fahrstühle."

"Hast du sie noch nicht außer Betrieb gesetzt?"

"Nein. Ich dachte, falls jemand von euch drin ist..."

"Fritz benutzt bestimmt eine Treppe.", sagte Lade. "Ich schalte sie aus."

Eine gute Minute später stellte Lade sich in eine dunkle Ecke gegenüber von den Telefonzellen und wartete. Für ihn war es nur eine Frage der Zeit, bis sie hier auftauchte. Er genoss das Warten auf die Beute.

"Geht's?"

"Ja. Das sinnlose Warten stört mich. Mehr nicht.", antwortete Kraft. Er ging zusammen mit Klaus Wieland die Treppe zum Haupteingang der Bibliothek hinunter. "Weißt du, wie groß diese Scheiß-Uni ist?"

"Zu groß, um sie von vorne bis hinten zu durchsuchen. Deshalb müssen wir sie in eine Falle locken."

"Grandiose Idee."

"Nun, es ist wie bei einer Fuchsjagd. Wir wissen, wo sie hin will. Nämlich raus. Wir wissen, wie schwer das ist. Die Büros sind verschlossen. Die Ausgänge sind verschlossen. Die Bib ist nur eine weitere Falle."

"Sie ist ziemlich angriffslustig."

"Und genau das ist ihre Achillesferse."

"Hm?"

"Nun, wenn sie vernünftig wäre..."

"Würde sie die erstbeste Tür nach draußen benutzten, zum nächsten Telefon laufen und die Bullen rufen."

"Sie wird nicht nach Egg laufen.", sagte Wieland. Ein genießerisches Lächeln umspielte seine Lippen. "Sie liebt die Gefahr. Wenn du sie geküsst hättest, wüsstest du es. Die ruft niemanden um Hilfe. Die will die Sache ganz alleine erledigen."

"Wie ein Cowboy."

"Eher ein Cowgirl." Wieland zog die schwere Feuerschutz-Tür zum E-Bereich auf. Linkerhand von ihnen lag das Studentensekretariat. "Sie wird versuchen, zum Eingangsbereich zu kommen und von dort ihre Offensive gegen uns starten."

"Eine Ein-Frau-Offensive.", sagte Kraft, während sie die Herrentoilette kontrollierten. Sie war leer. "Ich hab schon Angst."

"Solltest du. Immerhin hat sie in einer Woche ziemlich viel herausbekommen." Wieland schloss die Herrentoilette ab. Dann kontrollierten sie die Frauentoilette. Sie war ebenfalls leer.


Axel Bussmer beim Ausbrüten feinteiliger Straftaten (rein literarischer Natur)
AXEL BUSSMER
iM INTERVIEW


(mit ULrike Duchna, Franka Plaschke und Barbara Keller im AREMA/Moabit
vom 31.07.2007...)


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