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krimirezension ab 2003-2013

 

Tatjana Ustinowa
"Dass du nicht mehr lebst"
rowohlt November 2004
ISBN 3-499-23794-6
8,90 €

In klirrendem Frost

von Barbara Keller


Die ganz großen, episch breit erzählten Politthriller kommen ja aus dem amerikanischen Raum. Gern auch verfilmt. Das Strickmuster ist oft dasselbe. Korruption, der übliche brutale Schlammassel. Blutige Ungerechtigkeit auf allen Ebenen. Alles ist verloren, alle verschworen. Aber es gibt Einen, der noch moralische Kraft und Würde besitzt. Einer gegen alle. Arnold Schwarzenegger. Zwischen Albtraum und Wirklichkeit kein Zentimeter Platz. Die russische Variante des Politthrillers variiert etwas. Wegen der russischen Seele – dem großen, gläubigen Herz. Zwischen Altkommunisten, korrupten und weniger korrupten Neoliberalen sowie der legendären russischen Mafia siedelt Tatjana Ustinanowa ihren 14. Kriminalroman "Dass du nicht mehr lebst" an. Der russische Schwarzenegger heißt: Alexander Jastrebow. Die entscheidende Frage: Ist der Aluminiummogul und sibirische Gouverneur in spe tatsächlich ein eiskalter Mörder, der seinen Vorgänger gewaltsam aus dem Weg räumte?

Die bildschöne, sibirische Pressechefin Inna Silerwestowa grämt sich. Ihr Mann hat sie verlassen. Inna ist der berechnende Karrieretyp mit einem leisen Funken Restgewissen. Sie kommt aus armen, lieblosen Verhältnissen. Ihr Drang zu strahlen ist groß. Die Männer liegen ihr zu Füßen oder bekämpfen ihre granitene Autorität. Während Inna ihre Wunden leckt und sich mit einem One-Night-Stand dürftig aufmuntert, wird ihr Chef, der sibirische Gouverneur Anatolij Wassiljewitsch ermordet.

Seltsamerweise wiegelt der nun aufrückende Stellvertreter Jakuschew den Fall als Selbstmord ab. Auch über den Mord an dessen Gattin breitet er den Mantel des Schweigens: "verstarb friedlich an einem Herzinfarkt in dem Armen der ihren". Inna weiß besser, was andere nur ahnen: ein Mörder treibt in Bjelojarsk sein Unwesen. Und scheinbar ist er mit seinem blutigen Geschäft auch noch nicht am Ende.

Inna folgt den Spuren, auf dessen Fährte ihr ermordeter Chef sie postum setzte. Und weil sie gewohnt ist, keinem zu trauen und ihre Pappenheimer (F. Schiller, "Wallensteins Tod") kennt, unternimmt sie natürlich einen einsamen, gefährlichen Alleingang. Was zunächst wie ein trauriges Familiendrama aussieht, entpuppt sich als schwerer Fall politischer Korruption. Inna steht völlig allein. Vermutet den Mörder in allem und jedem.

Nun, ganz Frau, wird sie verzagt. Auch eine so mutig entschlossene, ausgekochte Frau wie Inna Silerwestowa benötigt schließlich männlichen Beistand. Den findet sie in Alexander Jastrebow, dem Aluminiumpapst, ihrem One-Night-Stand. Der stolze, etwas behäbige, liberale Industriemogul hört nicht auf, um sie zu werben. Und wird missverstanden. Als sie sich entschließt, wenigstens ihm Vertrauen zu schenken, geht die Aufklärung ins Finale.

Mit "Dass du nicht mehr lebst" macht Autorin Tatjana Ustinanowa ihre Leser schonungslos mit dem politischen Pflaster sibirischen Couleurs bekannt. So richtig warm wird man allerdings mit keiner der agierenden Figuren. Wie die Motten ins Licht stürzen, sucht jede mit schmieriger Wursthand das größte Stück aus dem Futternapf zu grapschen. Und wie dürftig das soziale Umfeld auch ausfällt: der Reichtum wird eitel und stolz zur Schau gestellt. Inna Silerwestowa, das Superweibchen, das täglich seine Pelze wechselt, bildet unter den Edelelstern keine Ausnahme. - "That’s the way it is".

Fast sympathisch erscheint einem noch der ermordete Gouverneur Anatolij Wassiljewitsch. Ein Altfunktionär, der es mit der altgedienten Beamtenriege hält, einen gemäßigten Kurs fährt und dessen Luxusbedarf sichtlich unterentwickelt ist. Aber der ist ja nun tot.

Zum Glück ist da jedoch die allwaltende, rettende Liebe. Die Inna Silerwestowa plötzlich - "Deus ex Machina" – ein bescheidenes Leben mit eigener sibirischer Nachkommenschaft möglich erscheinen lässt. Mehr darf nicht verraten werden. "Dass du nicht mehr lebst" – ein starkes Stück Sibirien!

"Tatjana Ustinowa (*1968) studierte Aerodynamik am renommierten Moskauer Physikalisch-Technischen Institut. Bevor sie zu schreiben begann, arbeitete sie beim Fernsehen. Inzwischen hat sie in Russland 14 Kriminalromane veröffentlicht – mit Millionenauflagen. Im Wunderlich Verlag erscheint der Kriminalroman „Blind ist die Nacht“. Weitere Titel bei „Wunderlich“ und im Rowohlt TB Verlag werden folgen." (Rowohlt TB Verlag)



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