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berlinkriminell.de
krimirezension ab 2003-2013

 

Michael-André Werner
"Schwarzfahrer"
Aufbau TB 2003
ISBN 3-7466-1983-1
7,95 €

Milieu mit Charme - selbst erlebt

von Barbara Keller


"Faaaahrkartehnkontrollleee! Die Faaaahrtausweiseee bitteee!" Ein Moment des teuren Berliner Fahrgastdaseins, den jeder hasst. Der zum Kramen nötigt, aus dem Dösen reißt oder zum Bekennen zwingt. Doberstein, Kork und Häuser aber - in Michael-André Werners Roman die Kontrollopfer per se - drehen den Spieß einfach um: sie figurieren als selbsternannte Kontrolleure und erleben ...

Es gibt Leute, die steigen aus. Sie sind - meinetwegen - 45 Jahre alt, haben einen seriösen, einträglichen Beruf, die Kinder sind raus. Eines Abends trifft man sich mit dem angetrauten Ehegespons auf der Couch - erschöpft wie immer - und denkt: "Soll das alles gewesen sein? ... War's das jetzt?" Ja. Und dann schmeißen sie alles hin, geben die Wohnung auf und machen einfach eine Jahre währende Weltreise. Wie im Film.

Und dann gibt es Leute, die steigen überhaupt erst gar nicht ein. Die bleiben zum Beispiel Berufsstudenten, coole Hänger, Bierpoeten mit großer Perspektive, Gauner mit einem Schuss krimineller Energie. Ins Berliner Milieu dieser Spezies hat sich Michael-André Werner mit seinem Taschenbuch "Schwarzfahrer" - zumindest literarisch - gewagt. Mit humoristisch unterhaltsamem Ergebnis.

Stefan Kork ist gebürtiger West-Berliner in einem Alter - Zitat, " ... in dem die Menschen der Bronzezeit allmählich gestorben waren." Seine aktiven Studienbemühungen (Hauptfach Germanistik) an der Uni liegen seit langem auf Eis. Seine Allgemeinbildung reicht zumindest für ein gewähltes Herummotzen. Trotz aller intellektueller sowie physischer Potenziale setzt sich Kork mit einem Pappsschild "KRIGE KEINE SOZIALHILFE MEHR" an die Möckernbrücke und schnorrt. Zwar muss er dabei Löcher in die Luft glotzen und kann seine neu aus zweiter Hand erworbene Kleist-Gesamtausgabe nicht lesen. Aber was macht das schon, wenn das Geld stimmt? Und dann ward ja aus Abend und Morgen auch schon der nächste Tag.

Die dubiosen Projekte, die der passionierte Spätaufsteher mit entfernten Bekannten am Biertisch wälzt, wollen überhaupt nicht greifen. Aber dann begegnet Kork dem genialen Bestimmer Ralf Doberstein. Dem Mann mit der angenehmen Stimme - wie Korks Exfreundin Karin behauptet. Doberstein ist Ossi, arbeitslos. Hat aber aus letzter Ehe noch eine Tochter in Sorgepflicht. Von ihm stammt die Geschäftsidee, als "freie Fahrkartenkontrolleure" aktiv zu werden. Als dann auch noch der unberechenbare Zabel Häuser (27) dazukommt - Abiturabbruch, Wehrdienstflucht nach Berlin - ist das blaue Team perfekt.

Das fantastische Trio kontrolliert vorzugsweise die ruhigen U-Bahnabschnitte der U6, U7, U1, gelegentlich der U8, gar nicht: der U2, U5 oder U4. In diesem Ambiente spielen die zahlreichen Anekdoten, die Michael-André Werner in "Schwarzfahrer" erzählt. Geschichten, die jeder kennt. Manche zum Lächeln, Lachen und mehr - manche zur schnellen tröstlichen Amnesie. Alle aber aus dem Stoff, der der täglichen U-Bahnfahrt die deftige Würze herber Wirklichkeit verleiht.

Auch von einer spätzündenden Liebe ist die Rede. Einem langsamen, saft- und fruchtlosen Mühen, an dessen Ende Entscheidungen stehen.

Michael-André Werner (*1967) ist gebürtiger West-Berliner - wie sein Held Kork. Er arbeitet als Leiter von Schreibwerkstätten für Jugendliche und ist langjähriger Sketche-Autor der Jugendsendung Moskito (SFB) sowie Redaktionsleiter der Kulturzeitschrift ätzettera. Zum Aufbau-Verlag kam "Schwarzfahrer" nach der Teilnahme an einem Wettbewerb zum Thema Großstadt, bei dem das Manuskript zwar keinen Preis - aber einen Sympathisanten des Aufbau-Verlags gewann.

Michael-André WernerAutor Michael-André Werner (Bild links!) empfiehlt sein Buch (Weshalb sollte man es lesen?) mit den folgenden Worten: "Weil man selbst bestimmt schon mal U-Bahn gefahren ist und die Situation kennt, weil man sich auch über die Kontrolleure geärgert hat, weil's in Berlin spielt, weil's lustig und unterhaltsam ist, weil's auch nicht zu dick ist. - Es sind 200 Seiten und die lesen sich, wie ich von Freunden gehört hab', ratzfatz durch. Was will man mehr?" Dem stimmt www.berlinkriminell.de mit ganzem Herzen zu.



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