Hier lasen Sie im Herbst 2007 in wöchentlicher Folge Axel Bussmers Debütkrimi "Ein bisschen Luxus". Jeden Montag neu...
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krimidebüt mit folgen...
zur Rezension...
Axel Bussmer, "Ein bisschen Luxus" (4/28)
Kapitel 4
Nachdem bereits die Polizei, vertreten durch Linus Schroff, und Roberts Eltern sein Zimmer nach irgendwelchen Hinweisen mehrmals durchsucht hatten, herrschte in ihm ein ansehnliches Chaos. Obwohl sicher jeder versucht hatte, möglichst wenig zu verändern. Eine Durchsuchung war eine Durchsuchung.
Diana setzte sich in die Zimmermitte auf einen Bürostuhl. Von draußen hörte sie Vögel zwitschern.
Zwischen den einzelnen Häuserzeilen standen Bäume. Es gab auf dem gesamten Gelände nur einen großen Parkplatz. Zu den Häusern durften nur wenige Autos fahren. Radfahrer bestimmten das Bild. Das Zimmer war groß. Etwa vier auf fünf Meter. An den Wänden hingen Konzertplakate, ein Bild von einem Sonnenuntergang am Bodensee, eine Miro-Reproduktion, und ein Kalender mit mehr oder weniger nackten Männern.
Robert, oder der Vormieter, hatte den Raum gut ausgenutzt. Über der Tür war eine zweite Etage eingezogen worden. Sie erstreckte sich bis fast in die Mitte des Raumes. In der zweiten Etage schlief Robert. Einige seiner Kleider waren neben dem Bett. Unten stand ein Kleiderschrank. In ihm hingen mehrere Hemden und Jacketts. In den einzelnen Regalen stapelten sich Hosen, T-Shirts, Unterhemden, Unterhosen, Socken, Badetücher. Sie waren alle nachlässig zurückgelegt worden.
Auf dem Schreibtisch waren ein 17-Zoll-Monitor, Drucker, Tastatur, einige Fachbücher und gut gefüllte Hefter. Sie enthielten wissenschaftliche Aufsätze, Notizen und Seminarpläne. In dem Bücherregal standen politikwissenschaftliche Fachbücher neben Romanen neben populärwissenschaftlichen Büchern. Ersteres hauptsächlich Überblicksdarstellungen und Lehrbücher, zweiteres eine nicht aufregende Mischung aktueller Romane von John Grisham, Stephen King, Henning Mankell und Donna Leon, letzteres meistens großformatige Bildbände über Maler, Gemälde, Kirchen und Reliquien.
Einige Reisebücher lagen ganz unten. Diana nahm sie in die Hand. Thailand, Asien für Globetrotter, Himalaya, Indien, Ceylon.
Auf einem Sideboard lagen einige CDs. Marvin Gaye, Donna Summer, The Adventures of Priscilla – Queen of the Desert, Funk- und Soul-Sampler, Madonna, Dieter Thomas Kuhn, Jürgen Waidele. In den Schubladen waren Programme vom Zebra-Kino, dem diesjährigen Konstanzer Christopher-Street-Day und einigen Clubs. Die Eintrittskarten waren in ein altes Schulheft geklebt worden.
Die Kontoauszüge sorgfältig abgeheftet worden. Danach verdiente Robert etwa 1000 Euro im Monat und gab etwa genauso viel aus.
Neben dem Sideboard, auf dem Boden, stand eine kleine Stereoanlage. In einer Ecke, auf einem Stuhl stand ein kleiner Fernseher und ein DVD/VHS-Recorder.
Vor dem Fenster, auf dem Tisch, lag Roberts Laptop und einiges an Computerzubehör. Memory-Sticks, Kabel, CDs, CD-ROMs, DVDs. Unter dem Tisch hatten Dianas Vorgänger etliche Leitz-Ordner hingelegt. Sie enthielten die Unterlagen für die verschiedenen Uni-Kurse. Ein Kurs, ein Ordner.
Diana fand nichts Aufregendes oder Besonderes in Roberts Zimmer. Genau so sollte die Wohnung eines strebsamen, homosexuellen Studenten aussehen. Es war die perfekte Werbung für ein FDP-Wahlplakat: jung, aufgeschlossen, strebsam.
Sie startete den Computer. Ohne ein Passwort einzugeben konnte sie die einzelnen Programme durchsuchen.
Diana fügte vertrauensselig zu Roberts Eigenschaften hinzu. Sie fand mehrere Hausarbeiten. Im Eingangskorb seines E-Mail-Programmes stapelten sich die Nachrichten mehrere Mailinglisten, einige Mails von der Uni und mehrere private Nachrichten. Diana klickte sich durch die zuletzt empfangenen durch:
"Heute Abend Vortrag von Prof. Dr…."
"Lesung mit…"
"Unser Sommerprogramm"
"Text für Sitzung Donnerstag"
"Treffen wir uns Samstag im Odeon?"
"Gemeinsam in Batman Begins?"
Nichts. Nichts. Wieder Nichts. Die abgeschickten Mails waren das Spiegelbild der empfangenen:
"Holst du mich um neun Uhr ab?"
"Batman Begins ist Scheiße. Unikino ist besser."
"Wo ist das Grillfest?"
"Sehr geehrter Herr Professor Doktor Klimecki,…"
Die gelöschten Mails bestanden in erster Linie an Angeboten für einen größeren Penis, unseriösen Geschäftsangeboten, Gewinnen und Ankündigungen für Veranstaltungen.
Diana probierte die Mails seit Roberts Verschwinden vor vier Wochen abzuholen. Sie stellte die Verbindung her, gab als Passwort Roberts Namen und seine Matrikelnummer ein und konnte seine E-Mails abholen.
Entweder war Robert sehr vertrauensselig und hatte deshalb niemals sein Passwort für die studentische E-Mail-Adresse geändert oder er hatte noch mindestens eine weitere E-Mail-Adresse. Denn niemand war so langweilig und eindimensional, wie Robert Brandt versuchte zu erscheinen. Nicht, dass er unbedingt eine Leiche in seinem Keller haben müsste; Diana wäre schon mit einer Pornosammlung unter dem Bett zufrieden.
Mit einem Tastendruck bestätigte Diana den Abhol-Befehl und 148 Mails wurden auf Roberts Computer geholt. Diana überflog nur die Absender und die Betreffs. Sie unterschieden sich auf den ersten Blick nicht von den bisher empfangenen. Auch bei den Absendedaten gab es keine Lücke. Robert hatte dieses Konto seit einem Monat nicht mehr benutzt.
Diana sortierte die Werbemails aus. Die anderen E-Mails begann sie anzulesen.
Anfangs waren es Verabredungen und Antworten auf früher abgeschickte Fragen, später besorgte Rufe mit der Bitte, sich zu melden. Nichts Ungewöhnliches. Diana sprang wieder zurück zu den abgeschickten Mails. Eine der letzten Mails von Robert war an einen Klaus Wieland. Er fragte ihn etwas wegen eines Seminartextes. Das war am 11. Juli gewesen. Einem Montag. Am nächsten Tag verschwand Robert.
Wieland hatte niemals auf diese Mail geantwortet.
‚Immerhin kann ich ihn danach fragen.’, dachte Diana und schrieb sich seine Telefonnummern und Raumnummer in ihr Notizbuch. ‚Wenn er nicht bereits im Sommerurlaub ist.’
Kapitel 5
Klaus Wieland saß in einem kleinen, überfüllten Büro im verwaltungswissenschaftlichen Trakt der Universität mit einer bescheidenen Aussicht auf den nächsten Trakt. In ihm residierten unten die Juristen und weiter oben die Psychologen. Er blickte von seinem Computer auf und sah Diana Schäfer fragend an. Diese junge Frau war keine seiner Studentinnen. Was wollte sie also von ihm?
"Guten Tag, Herr Wieland. Ich bin Diana Schäfer."
"Kennen wir uns?", fragte er, während sie sich die Hand gaben. Ihn überraschte ihr kräftiger Händedruck.
"Nein. Es geht um Klaus Brandt."
"Schlimme Sache. Sie schreiben darüber?"
Diana zog einen Stuhl heran und setzte sich. Anscheinend sah sie doch nicht wie eine Polizistin aus. Aber das wurde nur über ehemalige amerikanische Polizisten, die dann Privatdetektiv werden, in Krimis geschrieben. Deutsche Polizisten wurden, sogar in ihren schlecht sitzenden Uniformen, meistens mit harmlosen Versicherungsvertretern und übergewichtigen Hausmeistern verwechselt.
"Nein. Ich ermittele. Seine Eltern haben mich beauftragt, ihn zu suchen."
"Uh, eine echte Privatdetektivin?"
"Genau."
"Und was führt sie dann zu mir?"
"Eine Mail."
"Ähem, ich kriege jeden Tag Dutzende Mails und beantworte sie. Da kann ich mich nicht an eine Mail erinnern." Wieland speicherte automatisch eine Datei ab. "Diese Mails sind der Fluch der Gegenwart. Um welche Mail geht es denn?"
"Am 11. Juli fragte er sie nach einem Text."
"Hm, 11. Juli. Moment. Ich hab’ sie. Ja." Wieland beugte sich etwas vor und las die Mail leise vor: "Lieber Herr Doktor Wieland, bezüglich des morgigen Textes zur Policy der Europäischen Union und den Tätigkeiten des BDI im Rahmen der Dienstleistungsrichtlinie habe ich eine Frage. Die angehängten empirischen Daten stimmen mit denen des Textes nicht überein. Außerdem scheint mir die Ausgangsthese schlecht begründet. Hm, was ist damit?"
"Sie haben Sie nicht beantwortet."
"Oh, ja. Vielleicht habe ich sie erst später gesehen. Vielleicht wollte ich es auch einfach im Kurs klären."
"Welcher Kurs?"
"Dienstags, 18.00 Uhr, Diplomantenkolloquium. Da stellen Diplomanten ihre Abschlussarbeiten vor. Robert Brandt kam später dazu. Er wollte sich über künftige Diplomarbeiten informieren und wie sie aufgebaut werden. Ich hatte nichts dagegen."
"Wie war er so?"
"Aufgeschlossen. Aufmerksam. Hat die Thesenpapiere gelesen und sich dann noch weiter über das Thema informiert. Er hat immer gute Fragen gestellt."
"Von dem Kurs stand nichts in seinem Semesterplaner."
"Vielleicht hat er ihn einfach nicht eingetragen." Wieland zeigte auf seinen Kopf. "Ihn sich einfach gemerkt."
"Vielleicht.", sagte Diana. Allerdings glaubte sie das nicht. Dafür war Robert einfach zu ordentlich gewesen. Sein Terminkalender war akkurat geführt gewesen. "Haben Sie ihn in ihrem Kurs gesehen?"
"Da müsste ich mal überlegen. Letzte Semesterwoche. Nein, ich kann es nicht genau sagen."
"Und die anderen Teilnehmer?"
"Keine Ahnung."
"Wenn Sie mir ihre Namen gäben, könnte ich sie fragen."
"Ich glaube nicht, dass ich sie ihnen geben darf."
"Sie wollen doch auch, dass Robert gefunden wird?"
"Aber natürlich."
"Bitte."
Wieland biss sich nachdenklich auf die Oberlippe. Wie könnte er der Frau helfen ohne seine Arbeit zu gefährden?
"Ich könnte ihnen eine Mail schicken. Das könnten wir gleich machen."
Diana nickte erfreut und gab ihm ihre Visitenkarte. In Gedanken gab sie sich eine Ohrfeige. Denn auf Roberts Computer waren natürlich die E-Mail-Adressen, vielleicht sogar die Adressen und Telefonnummern, der anderen Kursteilnehmer gespeichert.
"Wahrscheinlich werden die meisten nicht oder erst in einigen Tagen antworten."
"Ich weiß. Semesterferien."
"Ich wäre auch weg, wenn ich hier nicht an meiner Habilitation festsitzen würde. Gut, dann wollen wir mal. Wie wäre es mit folgendem Text: Liebe Kursteilnehmer, wie ihr wahrscheinlich wisst, ist unser Mitstudent Robert Brandt vor einem Monat verschwunden. Es kann sein, dass wir ihn in unserem Diplomantenkolloquium zuletzt gesehen haben. Deshalb wäre es gut, wenn ihr euch bei Diana Schäfer, ihre Mail, Telefonnummer, melden würdet. Sie sucht im Auftrag von Roberts Eltern nach ihm und kann jede Information gebrauchen. Hoffen wir, dass wir Robert zum Wintersemester begrüßen können. Liebe Grüße Klaus Wieland. Gut so?"
"Ja. Tausend Dank. Und wenn ihnen noch etwas einfällt –" Diana ließ den Satz in der Luft hängen. Schließlich wusste er, was sie wollte.
"Melde ich mich."
Auf dem Flur studierte Diana die Aushänge für die verschiedenen Kurse. Inzwischen verdrängten die Ankündigungen für das Wintersemester die für das Sommersemester. Klaus Wieland bot im Winter wieder ein Diplomantenkolloquium an. Außerdem einen Kurs zur Europäischen Integration.
Er war ihr zu höflich und zu hilfsbereit gewesen. Irgendetwas verbarg er vor ihr. Sie wusste nicht was. Sie wusste nicht, ob es etwas mit Robert Brandts Verschwinden zu tun hatte. Aber es war eine neue Spur. Und mehr hatte sie bis jetzt nicht.
Klaus Wieland starrte auf die geschlossene Zimmertür. Was wusste diese Diana Schäfer? War sie eine Gefahr für sein Unternehmen? Oder stocherte sie einfach nur im Nebel? Immerhin war sie die erste Person, die ihn nach dem Verschwundenen gefragt hatte.
Er trank einen Schluck kalten Kaffee. Für den Abend war jedenfalls alles vorbereitet.
Kapitel 6
Diana ging die Treppen hoch zum Eingangsbereich der Universität. Dabei nahm sie aus alter Gewohnheit immer zwei Stufen auf einmal. An den Betonwänden hingen Plakate für Konzerte, Uni-Veranstaltungen, Ankündigungen für Kongresse und Kurse, Angebote für Bücher und Mietwohnungen. In den Semesterferien waren nur wenige Studierende da.
Die meisten schrieben ihre Semesterarbeiten bei sich zu Hause. Jetzt machte die Universität auch tagsüber einen verlassenen Eindruck. Diana gefiel das. Umgeben von vielen Menschen fühlte sie sich immer bedrängt. Dann fehlte ihr die Luft zum Atmen.
Sie ging an der Bibliothek vorbei. Auch sie machte jetzt einen verwaisten Eindruck.
Vor einem Monat warteten hier Studenten auf einen freien Computerplatz, um im KOALA nach Büchern zu recherchieren, und einen freien Kopierer. Sie kopierten unglaubliche Mengen, als Nachweis für getane Arbeit. Ein Bauarbeiter zeigte am Ende seines Tages auf die von ihm errichtete Mauer. Der Student auf die kopierten Aufsätze.
Die Leitwarte war rechts vom kleinen Eingang im Bereich A. Der große Eingang war selbstverständlich einige Schritte weiter vor der Bushaltestelle. Die Leitwarte war eine Mischung aus Schaltzentrale, Aufenthaltsraum und, seitdem die Bibliothek auf einen 24-Stunden-Betrieb umgestellt wurde, auch Servicezentrum.
Diana öffnete die schwere, metallene Glastür und betrat die Leitwarte.
"Hallo. Ich suche Laurentius Münchner."
"Der Chef ist gerade in einer Besprechung."
"Wissen Sie, wie lange?"
"Keine Ahnung. Aber er will später wieder vorbeikommen."
"Könnten Sie ihm meine Karte geben?"
"Klar."
"Und ihm sagen, dass ich mit ihm über Robert Brandt reden möchte."
"Mach’ ich."
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Axel Bussmer beim Ausbrüten feinteiliger Straftaten (rein literarischer Natur)
AXEL BUSSMER
iM
INTERVIEW
(mit ULrike Duchna, Franka Plaschke und Barbara Keller im AREMA/Moabit
vom 31.07.2007...)
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