Hier lasen Sie im Herbst 2007 in wöchentlicher Folge Axel Bussmers Debütkrimi "Ein bisschen Luxus". Jeden Montag neu...
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krimidebüt mit folgen...
zur Rezension...
Axel Bussmer, "Ein bisschen Luxus" (20/28)
"Was könnte das sein?"
"Keine Ahnung." Diana schob sich ein Stück Fisch in den Mund. "Aber vielleicht ruft er aus Bali an."
"Vielleicht.", sagte Wieland, ohne sonderliche Zuversicht in der Stimme. Er beschloss das Thema jetzt fallen zu lassen und später wieder darauf zurückzukommen. "Wie kann man dich glücklich machen?"
"Uh, eine Frage wie beim Psychiater."
"Ich hoffe nicht."
"Da braucht es nicht viel. Ein schöner Sonnenuntergang. Ein gutes Essen. Ein gelungenes Konzert. Ein witziges Buch.", sagte Diana. Aber eigentlich suchte sie nur Frieden für ihre Seele. Eine Absolution für ihre zuletzt bei der Polizei gemachten Erfahrungen. Erfahrungen, die aus einer hoffnungsvollen, jungen Polizistin einen Fall für eine Frühpensionierung, die nie wieder töten wollte, machten. Immerhin konnte so ein ausgewachsener Skandal verhindert werden. Aber das hatte sie alles tief in sich vergraben. Selbst Jörg wusste davon nichts. Er ahnte etwas. Er hatte auch manchmal nachgefragt. Sie hatte dann immer geantwortet, sie könne noch nicht darüber reden. Später vielleicht.
"Mehr nicht?"
"Etwas Geld ist auch beruhigend."
"Geht mir genauso."
Inzwischen aßen sie den Nachtisch. Jeweils eine Portion Erdbeeren mit etwas Frischkäse.
"Als Student hatte ich keine Ahnung, wie wichtig Geld ist. Damals hatten wir alle wenig, jobbten etwas und genossen so einen durchaus noblen Lebensstil. Du weißt, verschiedene Vergünstigungen, Bekanntschaften und dann kannten wir die Hintereingänge der Discos."
"Die haben sich in den vergangenen Jahren nicht geändert."
"Aber wir sind zehn Jahr älter. Da fragt der Kassierer zweimal nach und er kennt, wenn er einen erwischt, keine Nachsicht. Außerdem bin ich inzwischen zu alt für die Studentendisco."
"Ab einem gewissen Alter geht man auch nicht mehr in die Disco, sondern ist verheiratet und hat Kinder."
"Ich habe noch nicht die richtige gefunden."
"Die wäre?"
"Wie du."
"Ach."
"Nein, ehrlich. Selbstständig, sicher, autonom, mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stehend, humorvoll, an Kunst interessiert, gebildet."
"Und natürlich gut aussehend."
"Selbstverständlich würde ich keine dicke, hässliche Vettel mit einer Warze auf der Nase heiraten."
"Auch nicht, wenn du dadurch bis an dein Lebensende finanziell ausgesorgt hättest und dich nur noch deinen Studien widmen könntest? Vielleicht sogar in einem eigenen Institut?"
"Das geht auch anders."
"Wie?"
"Nun, mit guter Forschung. Fritz Scharpf hat ein Max-Planck-Institut bekommen."
"Aber mit der hässlichen Vettel ginge es schneller. Und du wärst unabhängig."
"Nein. Ich würde meine jetzige Freiheit, gegen die Abhängigkeit von einer Person eintauschen." Wieland schüttelte den Kopf. "Das wäre kein guter Tausch."
"Worin besteht denn deine jetzige Freiheit? Dich von einer befristeten Stelle auf die nächsten zu hangeln? Versuchen, vor dem Ablauf der Frist mit der Habilitation fertig zu werden? Und dann eine der raren, immer mehr gekürzten C-3 oder C-4-Professuren zu erhalten?"
"Oh, es gibt zahlreiche Stellen."
"Gibt es da genug Geld für deinen Lebensstil?"
"Nun ich verdiene nicht nur an der Uni Geld.", sagte Wieland, dem die von Diana eingeschlagene Richtung des Gespräches überhaupt nicht gefiel. Warum begann sie ihn, nachdem er ihr Wesen und Aussehen gelobt hatte, wie besessen zu befragen? Und dann nur mit Fragen, die zielsicher auf seine größte Geldquelle zielten. "Bei Büchern, Vorträgen und Projekten kommt auch etwas herum. Ich arbeite zum Beispiel mit dem SWR an einer Reihe über die Geschichte der Bundesrepublik."
"Das reicht?"
"Irgendwie schon. Jedenfalls für den Moment. Später wird es dann mehr werden."
Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne trafen das gegenüberliegende Ufer. Der Hohenegg-Wirt schaltete die Lichter im Biergarten an.
Diana überlegte, wie sie das Gespräch auf die gestohlenen Bilder im Uni-Keller und auf ihren Verdacht, dass er einer der Diebe sei, lenken könnte. Und wie sie von ihm erfahren würde, ob er Robert Brandt an dem Abend nach seinem Kurs wirklich nicht mehr gesehen hatte. Diana fiel nichts Gescheites ein. Der direkte Weg ging nicht. Ein Umweg brächte sie wahrscheinlich auch nicht weiter.
Wieland hatte ein ähnliches Problem. Er wusste immer noch nicht, ob er sie auf seine Seite ziehen könnte oder sie umbringen müsste. Während ihm die Männer, die er bis jetzt umgebracht hatte, egal waren, empfand er bei ihr anders. Nicht weil sie eine Frau war. Das war ihm egal. Wenn sie ihn und seine Männer bedrohte, musste sie sterben. Ganz einfach. Nein, der Unterschied war, dass er gerne mit ihr ins Bett ginge.
Die farbigen Abendlichter, die sich mit den letzten goldenen Strahlen der Sonne mischten, machten ihr Gesicht für ihn unglaublich anziehend. Und die von ihr während des gesamten Tages getragene Bluse brachte die Rundungen ihres Busens vorteilhaft zur Geltung. Bei ihr empfand er sogar den Kaufhaus-BH begehrenswert. Jetzt drehte sie ihren Kopf zum See und fuhr sich mit der Zunge über ihre Lippen. Wieland fand, sie habe ein perfektes Profil.
"Turner hat schöne Aquarelle vom See gemalt.", sagte sie.
Spielte sie auf die von ihnen geklauten William Turner-Bilder an? Oder hatte sie das einfach nur so gesagt? Er wusste es nicht. Er sagte: "Ja. Aber leider sind sie heute für uns unbezahlbar."
"Bei einer Auktion schon." Sie sah ihm wieder direkt in die Augen. "Aber man muss sich ja nicht alles bei Auktionen beschaffen. Die treiben doch nur die Preise in die Höhe, weil die Gier dann unser Denken übernimmt."
"Deshalb sollte man sich vorher ein Limit setzten. Sagt jedenfalls die Forschung."
"Und wenns nicht funktioniert? Wenn sie unbedingt das Bild wollen?"
"Ich setzte mir immer ein Limit. Schließlich beschäftige ich mich die halbe Zeit an der Uni mit Theorien des rationalen Handelns. Da wäre ich doch ein Idiot, wenn ich in meiner Freizeit gegen die Postulate der Theorie verstoßen würde. Jedenfalls gegen die vernünftigen Gebote."
"Einen falschen Turner würdest du niemals bei dir aufhängen?"
"Bei meinem Gehalt?"
"Ja. Dumme Frage." Diana winkte ab. "Wahrscheinlich könntest du mit deinem Jahreseinkommen gerade die Signatur kaufen."
Wieland schluckte. Er hatte genug Geld, um sich ein Bild von diesem Briten an die Wand zu hängen. Er wollte es nur nicht. Deshalb lag der Turner im Keller.
"Ich würde mir dagegen einen Turner. Oder einen Dix an die Wand hängen. Weißt du, ich habe ein großes Haus mit vielen leeren Wänden. Da sähe etwas Farbe gut aus. Kräftige, lebensbejahende Farben. Am besten ein Landschaftsbild. Porträts gefallen mir nicht. Und Dali ist oft so düster. Zum Beispiel dieses Bild mit der fast durchsichtigen Frau, die sich in der Wüste an eine schäbige Kommode lehnt. Nur Trockenheit und Dürre."
"Spanien.", flüsterte Wieland fast unhörbar. Hatte sie das Bild gesehen? Hielt sie es für eine Fälschung? Schließlich wusste niemand, dass sie das Original gegen eine Fälschung ausgetauscht hatten. Wahrscheinlich wusste bis jetzt niemand im Boymans-van Beuningen-Museum von dem Tausch.
Diana fuhr fort, als habe sie Wielands Flüstern nicht bemerkt. "Ein grausames Bild. Ich weiß ja, was Dali damit aussagen wollte. Aber ich könnte es mir niemals in meinem Schlafzimmer aufhängen. Stell dir vor, der letzte Blick vorm Schlafen. Ein Skelett. Der erste morgens. Wieder ein Skelett. Im Esszimmer ginge es auch nicht. Ich meine, ich könnte doch niemand ein leckeres Essen servieren, während vor ihm ein Skelett in der Wüste steht. Nein. Landschafsbilder. Porträts von jungen, gutaussehenden Menschen. So etwas. Impressionismus hauptsächlich. Aber auch einige moderne Maler. Die alten Sachen gefallen mir nicht so." Diana nahm einen Schluck Bier. Strahlend fuhr sie fort: "Dafür könnte ich über Leichen gehen. Und du?"
"Äh."
"Und wenn ich du wäre, wüsste ich sogar, wo ich die Bilder zwischenlagern könnte. Im Keller der Uni. Trocken, gleichmäßige Temperatur, kein Sonnenlicht und kostenlos. Denkst du nicht auch?"
"Keine Ahnung. Wahrscheinlich schon, aber ich habe von Gemälden keine Ahnung."
"Echt nicht?"
"Nun, ich sehe sie mir in Museen an. Einige gefallen mir. Andere nicht."
"Schade. Denn ich könnte mich schon in einen Sammler verlieben, der mir zum Geburtstag für mein Haus ein Bild schenkt."
Wieland biss sich nachdenklich auf seine Unterlippe. Bluffte sie? Oder machte sie ihm ein Angebot? Ein Bild für ihr Schweigen? Umgekehrt, was konnte er schon verlieren? Wenn er mit ein, zwei Bildern ihr Schweigen erkaufen konnte, wäre es ihm recht. Ein ziemlich billiger Preis. Sie verkaufte sich unter Wert. Der Student hatte dagegen eindeutig zu viel verlangt.
"Nun, ein Sammler bin ich nicht."
Diana konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen. Entweder war Wieland ein ausgezeichneter Spieler oder sie hatte sich geirrt und er war wirklich nur ein sich wie blöde abstrampelnder Habilitand.
"Aber ich möchte dir gerne etwas zeigen."
"Was?"
"Das wird nicht verraten." Wieland lehnte sich zurück. Er hatte sie. "Wir müssen da hin gehen."
"Ich kann es kaum erwarten."
"Ober! Zahlen!"
Wieland beglich die Rechnung und rundete sie mit einem großzügigen Trinkgeld ab. "Sie fahren."
"Und dein Fahrrad?"
"Hole ich später ab."
"Gut. Wohin?"
"Natürlich den Berg hoch zur Universität."
Innerlich jubilierte Diana. Bald könnte sie den Kopf einer Diebesbande überführen. Während sie in der Tasche nach ihrem Autoschlüssel suchte, bemerkte sie, dass sie ihr Pfefferspray mal wieder vergessen hatte. Egal, schließlich hatte sie bei der Polizei etliche Kurse in Selbstverteidigung erfolgreich absolviert. Für den eher schmächtigen Akademiker Wieland würde es in jedem Fall reichen. In ihre stillen Freudenschreie mischte sich auch etwas Bedauern. Denn nachdem sie Wieland gefesselt und geknebelt der Polizei übergeben hätte, müsste sie sich wieder diesem hoffnungslosen Vermisstenfall zuwenden. Ein Fall, bei dem am Ende irgendjemand zufällig einen Haufen Knochen fände, die mittels einer DNS-Analyse identifiziert würden.
Als es dunkel wurde, öffnete Kraft die Heckklappe. Zusammen mit seinen beiden Freunden zog er den Sarg hinaus auf ein klapprig aussehendes Fahrgestell.
"Hoffentlich gehts. Sonst müssen wir ihn tragen.", sagte er.
"Wie schwer ist er?"
"Das willst du nicht wissen."
Sie schoben den Sarg etwas weg vom Mercedes. Kraft warf die Heckklappe zu. Langsam gingen sie zum Kellereingang. Nicht aus Respekt vor den Toten. Es ging einfach nicht schneller auf dem Waldweg. Ständig rutschte der Sarg. Jede Unebenheit hatte die Ausmaße der Alpen und der bereits mit einer Leiche beschwerte Sarg war, nun, schwer. Am Ende der kurzen Strecke wischten die Drei sich den Schweiß aus dem Gesicht und lüfteten etwas ihre an ihnen klebenden Kleider. Mit zitternden Fingern öffnete Lade die Tür. Drinnen kamen sie auf dem glatten Betonboden schneller voran.
"Da ist er.", sagte Lade.
Haller zog die Decke weg. "Uh, als ob er schliefe."
Kraft stellte die Bremsen fest. Mit kundigen Griffen öffnete er den Sargdeckel. "Hilf mir mal."
Zusammen mit Haller hob er den Deckel hoch und legte ihn zur Seite.
"Vorsichtig."
"Jaja."
"Die sieht ja schlimm aus."
"War ein Autounfall. Sie ging bei Grün über die Straße. Der Fahrer bemerkte sie nicht, fuhr mit gut siebzig -"
"Im Ort?"
"Klar. Hauptstraße. Gut ausgebaut. Abends. Wenig Verkehr. Da dachte er, er könne etwas schneller fahren. Jedenfalls, er übersah die Ampel, fuhr über sie und knallte selbst danach gegen einige parkende Autos. Für sie kam jede Hilfe zu spät."
"Ich glaub's."
"Mensch, Peter, guck nicht so schockiert. Die ist hergerichtet worden. Vorher hat sie noch schlimmer ausgesehen."
"Schon gut. Ich wills nicht genauer wissen." Lade winkte ab. Als er zehn war, hatte er die Folgen eines Motorradunfalls gesehen. Kein schöner Anblick, besonders weil der Fahrer keinen Helm aufhatte und einen großen Teil seines Kopfes an ihre Hauswand verteilt hatte.
"Und der Fahrer. Wisst ihr, was mit ihm geschah?"
"Nein."
"Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Leichte Verletzungen. Eine Gehirnerschütterung. Platzwunden. Schock. Der Arzt behielt ihn die Nacht zur Beobachtung." Kraft legte eine Kunstpause ein. "Am nächsten Morgen wurde er tot in seinem Bett gefunden."
"Wurde er?" Haller fuhr mit seiner Hand von links nach rechts vor seinem Hals vorbei.
Kraft zuckte mit den Schultern: "Der Arzt schrieb Herzstillstand. Die Polizei fand nichts. Und die Familie der Toten sagte, sie habe nichts mit dem Tod zu tun."
"Ähem, und der Sarg wird wirklich nicht mehr geöffnet?"
"Nee, Abschied war heute. Natürlich mit einem geschlossenen Sarg. Und Montag wird die Urne übergeben. Denke, die fahren mit ihr wieder zurück in den Osten."
"Nun, dann."
"Wir müssen etwas Platz schaffen. Wenn ihr hier und hier angreift, können wir sie auf die Seite legen.", sagte Kraft. "Nun guckt nicht, als ob ihr noch nie eine Leiche gesehen hättet. Die beißt nicht."
"Es ist ihr Aussehen.", sagte Lade.
"Ich weiß, etwas matschig. Aber du wirst dir schon nicht die Kleider dreckig machen.", sagte Kraft. "Jetzt macht schon."
Zögernd griff Haller sie am Oberkörper an. Er versuchte, weder ihren blutroten Kopf noch ihren Busen zu berühren. Ein aussichtsloses Unterfangen. Seine beiden Kumpels hatten es da besser. Lade nahm die Oberschenkel in seine Hände. Erstaunt bemerkte er, wie stabil sie waren. Kraft beugte sich zur Hüfte hinunter. "Ihr müsst schon näher ran. Sonst dauert das ewig."
Mit deutlichem Widerwillen beugten sich Haller und Lade hinunter.
"Und los."
Mit einem Ruck lag sie auf der Seite. Jetzt war neben ihr der Sarg halb leer.
"Gut. Und jetzt den da. Du greifst oben an. Du unten."
Haller und Lade schnappten sich den ermordeten Sicherheitschef mit deutlich weniger Abscheu. Immerhin sah er wie ein Mensch und nicht wie eine von einem Auto zerquetschte Masse aus.
"Auf drei. Eins. Zwei. Drei. Gut. Und jetzt rein. Moment. So, das wars. Jedenfalls im großen und ganzen."
Die beiden Leichen lagen jetzt, Bauch an Bauch, wie ein Liebespaar in einem französischen Doppelbett nebeneinander.
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Axel Bussmer beim Ausbrüten feinteiliger Straftaten (rein literarischer Natur)
AXEL BUSSMER
iM
INTERVIEW
(mit ULrike Duchna, Franka Plaschke und Barbara Keller im AREMA/Moabit
vom 31.07.2007...)
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